Dann sagte sie, wiederum zur Nische gewandt: „Nun sieh zu, wie ich schlafen gehe, Wenzel.“
Sie entnahm einem Etui ein kleines silbernes Rasiermesser und zeigte es Wenzel. „Siehst du das?“ fragte sie. Das Messer blitzte im Licht, und schon hatte Jenny sich mit einem schnellen Ruck die Pulsader der linken Hand durchschnitten. Nun floß das Blut, und sie zeigte es ihm triumphierend.
„Siehst du nun, das ist Jennys Blut?“ sagte sie, fiebrisch lächelnd, und ihre Augen waren sehr groß. Die Wunde schmerzte. Sie neigte den Arm ins Wasser, und das Blut quoll. Wie ein roter Rauch bewegte es sich im Wasser. Bald sah man ihre Hand nicht mehr, und nun verdeckte der rote Rauch ihren Schoß. Sie bewegte sich, und das Wasser des Bassins war nun genau so rot wie das Zimmer. Nun schloß sie die Augen und lag lange still. Plötzlich aber erschrak sie. Irgend etwas krachte. Es war plötzlich ein so lautes Krachen in ihren Ohren gewesen. Sie erwachte.
„Was ist? Was tue ich?“ sagte sie. „Weshalb tue ich es? O Gott, nein, ich will es nicht tun.“
Sie richtete sich auf und berührte die Klingel. „Aber es ist ja niemand im Hause,“ sagte sie hastig zu sich, und nun erschrak sie plötzlich vor der Leere des Hauses. Sie versuchte aus dem Bassin zu steigen. Zweimal fiel sie auf die Treppe zurück, so sehr zitterten ihre Glieder. Endlich gelang es. Da stand sie mitten im Badezimmer und preßte die Hand um den verletzten Arm und versuchte vorwärtszugehen, aber sie taumelte furchtbar.
„So hilf mir doch, Wenzel!“ schrie sie laut und stürzte zu Boden. „Hilf mir doch, bevor es zu spät ist. Ich will es nicht tun!“
Und da kamen auch schon Schritte. Da kam schon Wenzel. Er nahm sie auf den Arm und trug sie davon wie seinerzeit, als die Blitze um das Schiff fuhren. Oder nein, war es nicht Wenzel? War es Michael? Es war Michael, der sie dahintrug! Und weshalb lief er so schnell?
Da schwand ihr das Bewußtsein.
18
Es meldet sich niemand, sagte Hauptmann Mackentin, ungeduldig und nervös, und klingelte erneut bei Jenny Florian an. Er wollte ihr kurz mitteilen, daß er auch nicht die geringste Vollmacht habe, das Haus für Herrn Schellenberg zurückzunehmen. Sie möge darüber nach Gutdünken verfügen. Für den Fall aber, daß sie zu verreisen gedenke, sei es ihm natürlich eine Freude, das Haus während ihrer Abwesenheit zu verwalten.