Wenzels Gesicht kam immer näher. Es war grau wie Erde geworden. Seine blendenden Augen wurden größer, es sah ganz so aus, als ob er sich auf Mackentin stürzen wolle. Dann öffnete sich der verzerrte Mund, die Lippen rangen nach Luft, und das erdgraue Gesicht entfernte sich wieder. Als Mackentin nach einer Weile aufzublicken wagte, sah er Wenzel, die Fäuste auf den Knien, in demselben Sessel sitzen, in dem er vorhin rasiert wurde. Seine Schultern hoben und senkten sich. Endlich stand er tief aufatmend auf und ging im Zimmer hin und her, langsam, den starren Blick zu Boden geheftet.
Das Telephon klingelte. Wenzel runzelte heftig die Stirn, und es sah aus, als ob er in diesem Augenblick das Telephon und noch ganz andere Dinge verfluche. Dann aber sprach er mit ruhiger, nur etwas heiserer Stimme in den Apparat hinein. Er werde in fünf Minuten bereit sein. Mackentin hatte deutlich Esthers lebhafte Stimme im Apparat gehört. Wenzel vollendete langsam seine Abendtoilette, immer noch die Stirn gerunzelt. Er schien nicht die geringste Eile zu haben. Er schlüpfte in die Weste, band die Krawatte und zog den Frack über. In diesem neumodisch geschnittenen Frack eines Londoner Ateliers erschienen seine Schultern noch um vieles breiter als gewöhnlich. Sein Gesicht war so grau, als sei es mit Straßenstaub bestäubt.
Ein Diener legte ihm den Umhang um und reichte ihm Handschuhe und Zylinder.
Wenzel drückte Mackentins Hand. Es war ein fester, harter Druck, wochenlang spürte ihn Mackentin. „Ich danke Ihnen, lieber Freund!“ sagte Wenzel. „Heute nacht um ein Uhr erwarten Sie mich hier.“
„Sehr wohl.“
Und Wenzel ging. Er speiste an diesem Abend mit Esther bei Sir Alfred Thomson, dem Onkel Esthers. Es war eine große, blendende Gesellschaft. Fast die ganze englische Verwandtschaft Esthers und alle ihre Londoner Freunde waren zugegen. Anfangs sah das Gesicht Wenzels immer noch aus, als sei es mit grauem Straßenstaub bestäubt. Aber als er sich erst eine halbe Stunde unter den Gästen Sir Alfreds bewegt hatte, nahm es seine natürliche braune Farbe wieder an. Aber der Blick in seinen Augen blieb starr. Er lächelte sogar einigemal, dabei zuckten seine Lippen sonderbar. Er trank viel Wein, ohne daß man es ihm anmerkte.
Gegen zwei Uhr kam er ins Hotel zurück. Er warf den Frack ab und setzte sich in Hemdärmeln an den Schreibtisch.
„Und nun lassen Sie sehen, Mackentin,“ sagte er, und diktierte bis vier Uhr morgens Briefe.
„Leben Sie wohl, lieber Mackentin, ich werde Ihnen diesen Freundschaftsdienst nie vergessen!“ sagte er zum Abschied zu Mackentin. „Es hat mich tief getroffen. Glauben Sie es mir, es war der furchtbarste Abend meines Lebens. Sie war ein gütiges und in vielen Beziehungen seltenes Wesen. Es ist schade um sie. Aber ich habe keine Schuld, Mackentin! Ich habe sie nie belogen, ich war stets aufrichtig zu ihr. Sie war zu zerbrechlich geschaffen für dieses Leben. Sie mußte zerbrechen. Was kann ich dafür? Gute Nacht!“ –