Esther war in diesen Wochen in großer Erregung, überreizt und oft wirklich schlecht gelaunt. Sie hatte die Robe für die Trauung, die Reisekleider, die Wäsche bei einer ersten Firma in Paris in Auftrag gegeben. Aber nichts stimmte, sie waren da drüben nicht einmal imstande, ein Knopfloch richtig zu nähen. Dazu ging es nicht vorwärts, obschon sie in jeder Woche einige Boten nach Paris jagte. Schon jetzt sah Esther ein, daß die Hochzeit um einen Monat verschoben werden mußte. Es ging nicht anders.
Nun, schließlich, um ganz offen zu sein, hatte sie ja eigentlich gar keine Eile. Diese Heirat, wozu eigentlich? fragte sie sich hundertmal in jenen Tagen, da sie in schlechtester Laune war. Natürlich konnte sie jetzt nicht mehr zurück, nachdem sie ihre Wiederverheiratung all ihren Verwandten und Freunden bekanntgegeben hatte. Sie mußte wohl oder übel konsequent bleiben, aber –.
Mitte Januar wurde die Hochzeit mit großem Aufwand gefeiert. Klein, mit eingefallenen Zügen, fahlen Lippen und krankem Blick saß der alte Raucheisen bei der Tafel. Er sprach fast kein Wort. Zuweilen fröstelte er, und frühzeitig zog er sich, aschfahl vor Schwäche, zurück.
Michael ist nicht gekommen, dachte Wenzel während des ganzen Tages, und immer kehrte dieser Gedanke wieder. Alle andern hätte er entbehren können. Er empfand Michaels Absage als Kränkung, mehr als das, als eine Abkehr Michaels von ihm. Was sollten ihm diese Major Fairfax, Baron Blau und die andern? Ihre rasierten, gepflegten, gepuderten, leeren Gesichter langweilten ihn.
Am späten Abend begaben sich die Neuvermählten mit dem Nachtschnellzug nach Paris. Hier nahmen sie den Rivieraexpreß. Auf der Reede von Nizza lag in der hellen Sonne, schneeweiß und berückend schön, die „Kleopatra.“ Wenzel hatte die Jacht völlig überholen lassen. Das Boot, das die beiden an Bord brachte, war mit weißen Rosen geschmückt, ebenso das Fallreep. Die Matrosen standen in Gala, lustig flatterten die bunten Wimpel der Jacht. Wie eine Fürstin stieg Esther an Bord, fröhlich und heiter wie ein Kind, das mit naiver Selbstverständlichkeit alles entgegennimmt, was man ihm bietet.
Eine warme Brise blies vom Lande her, und mit dem Wind zog die Jacht in die glitzernde Bai hinaus. Erst jetzt bemerkte Esther, daß Wenzel den Namen der Jacht geändert hatte. Überall, wo man früher „Kleopatra“ las, stand jetzt der Name „Esther Schellenberg“. Diese Aufmerksamkeit entzückte sie. Ja, fast war sie in diesem Augenblick glücklich.
Die Jacht ging nach Süden. Sie suchte die Sonne. In Korsika und Sardinien war es noch zu kalt. Die Jacht ging nach Sizilien, von da nach Ägypten. Hier war die Sonne, und hier lag sie vierzehn Tage. Dann nahm sie wieder nördlichen Kurs. Sie lief Zypern an, dann Kreta und die griechischen Inseln. In Ragusa machte man längere Station. Hier war es schon heiß. Die Glyzinen blühten, die Orangenblüten dufteten, die Palmen setzten ihre dottergelben, fetten Blütentrauben an, und schon trieben die Agaven ihre armdicken Blütenstengel aus den stachligen Riesenleibern. Das Meer blendete, die verkarsteten Berge glühten in der Sonne. Es war eine frohe und glückliche Woche an Bord.
Schon aber trafen Stöße von Telegrammen an Esther ein, und sie gab den Befehl zur Abfahrt. Die Jacht nahm direkten Kurs auf Venedig. Hier, am Lido, wollte Esther einige Wochen verbringen, bis es Frühling wurde in Deutschland.
In Venedig traf sie schon wieder ihre alten Freunde. Baron Blau kam aus Paris, um ihr die Hand zu küssen, Major Fairfax streckte seinen braunen hageren Körper im Sande. Es kamen englische und französische Freunde in ganzen Scharen, und Esther war wieder in ihrem Element. Sie hatte sich von einem Pariser Künstler phantastische Badekostüme, Umhänge und Mäntel entwerfen lassen, die den Neid aller Frauen erregten.
Diese Kostüme waren mit solchem Raffinement komponiert, daß Esther in ihnen weitaus nackter erschien, als wenn sie unbekleidet gegangen wäre. Jede Linie ihrer Hüfte, die spitzen kleinen Brüste, die Formen ihres etwas mageren Rückens, alle ihre Reize wurden sichtbar.