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Michael fand den Bruder verändert. Schien es nicht, als sei Wenzel etwas voller geworden? Sein Gesicht, sonst derb und kantig wie aus einem Eichenklotz gehauen, erschien etwas schwammig. Das blendende Weiß der Augen war gelblich und stumpf geworden, seine Hände zitterten. Vielleicht trinkt er zur Zeit wieder, dachte Michael. Wie lange wird er dieses Leben noch aushalten? Trotz all dieser unverkennbaren Anzeichen von Übersättigung und Übermüdung schien Wenzel zu funkeln vor Lebensfreude und Glücksgefühl.

„Ich bin also gekommen, lieber Wenzel,“ begann Michael etwas unsicher und flocht die Hände verlegen ineinander, wie er es immer tat, wenn er ein Anliegen hatte. „Ich bin also gekommen, um anzuklopfen, ob du meiner Gesellschaft einen Kredit von ein bis zwei Millionen einräumen willst.“

Wenzel legte die Stirn in Falten und verzog den Mund zu einem spöttischen Lächeln.

„Die Gesellschaft zahlt Zinsen, wenn auch nur mäßige.“

Wenzel schüttelte den Kopf und erhob sich. „Ich will nicht,“ sagte er kurz.

„Du willst nicht?“ Michael sah überrascht auf. „Schade, ich hatte auf dich gerechnet, Wenzel. Wir kommen vorwärts, aber es ist noch unendlich viel zu tun, und wir brauchen Kapital. Wüßtest du, welches Elend in den breitesten Schichten der Bevölkerung herrscht!“

Wenzel holte tief Atem und schnob durch die Nase. „Was kümmert es mich,“ sagte er mit einem erregten Kopfschütteln, „was geht mich das Elend der breitesten Schichten an?“

„Es geht dich nichts an?“ fragte Michael. Er war plötzlich bleich geworden. Ein fremder, feindseliger Klang war in Wenzels Stimme.

„Nein, es geht mich natürlich nichts an!“ fuhr Wenzel mit einer unverständlichen Erregung fort. „Es ist Sache der Regierung und des Parlaments und nicht die meinige!“