„Wir wollen das Gespräch nicht fortsetzen, Wenzel,“ sagte Michael. „Ich wollte ja eigentlich nicht von diesen Dingen beginnen. Ich kam mit ganz anderen Gedanken zu dir.“ Er blickte nochmals in Wenzels Augen. „Du willst uns das Darlehn also nicht geben?“

Wenzel wandte sich ungeduldig ab.

„Ich begreife nicht,“ fuhr Michael fort und ließ den Blick langsam durch den mit Kostbarkeiten und Prunk angefüllten Saal der Bibliothek schweifen, „ich verstehe es nicht, daß du so leben kannst, während Tausende und Abertausende deiner Volksgenossen nicht das Stück Brot haben, das nötig ist, um den Hunger zu stillen.“

Wieder lächelte Wenzel sein spöttisches Lächeln. „Weshalb richtest du derartige Fragen an mich, Michael?“ erwiderte er, um vieles beherrschter. „Frage doch die Regierung, weshalb sie zugibt, daß Frauen für zehn Pfennige in der Stunde arbeiten. Frage doch den Präsidenten der Vereinigten Staaten, weshalb er zugibt, daß einzelne Bürger Milliarden anhäufen, während Tausende in der Gosse krepieren! Frage alle diese Menschen, aber frage doch nicht mich! Ich bin doch nicht verantwortlich für diese Gesellschaftsordnung.“

Michael schwieg eine Weile. Dann sagte er sehr ruhig: „Erinnerst du dich, Wenzel, daß wir einmal eine Nacht hindurch über ähnliche, ja, die gleichen Dinge debattierten? Wir sprachen, erinnerst du dich, über den tiefen Sinn des indischen Wortes ‚Tat tvam asi ...‘ Das bist du! Das heißt: Dein Mitmensch, das bist du selbst?“

Wenzel beugte den Nacken. Er stand trotzig da, mit gespreizten Beinen. Dann sagte er, die Adern auf seiner Stirn schwollen an: „Das ist Wunsch, aber nicht Wahrheit. Es ist Lüge und Heuchelei. Buddha, Christus, und wie sie alle heißen –“

Michael wich zurück. „Du wirst bereuen,“ sagte er mit entsetztem Blick. „Ja, du wirst bereuen.“ Dann blickte er zu Boden, und nach langem Schweigen fügte er hinzu: „Lebe wohl, Wenzel.“

Er ging, ohne dem Bruder die Hand zu reichen. Wenzel kam ihm einige Schritte nach. „So höre doch, Michael,“ versuchte er einzulenken.

„Wir verstehen uns nicht mehr,“ erwiderte Michael unter der Tür, schüttelte den Kopf und ging.

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