Lise trat einen Schritt vor. „Macht, daß ihr fortkommt!“ herrschte sie die Kinder an.

Michael ging. Welch eine unerquickliche Szene, dachte er. Wie tief muß Wenzel sie verletzt haben, daß sie so außer sich ist! In großer Erregung stieg er die Treppe hinab. Er bereute nun, daß er die Beleidigung Lises ohne jede Erwiderung eingesteckt hatte.

Aber Lise erschien am Geländer der Treppe und schrie mit einer rasenden Stimme in das Stiegenhaus hinein: „Ich will das Schellenbergsche Gesicht nicht mehr sehen! Ich habe genug davon!“ Dann schlug sie die Tür zu, daß das Haus zitterte. Oh, wie böse sie heute war!

Michael hatte indessen kaum das Foyer mit den Marmorsäulen und der weißen Marmorbank erreicht, als das junge Dienstmädchen nachgestürzt kam. „Die gnädige Frau bittet Sie, sofort heraufzukommen. Sie bittet vielmals, sie zu entschuldigen.“ Und als Michael, dessen Zorn schon wieder verraucht war, mit ihr die Treppe emporstieg, fügte sie entschuldigend und erklärend hinzu: „Die gnädige Frau ist außer sich. Ihr Herr Bruder hat schon seit Wochen das Haus nicht mehr betreten.“

Lise erwartete Michael in ihrem Musiksalon. Sie streckte ihm erregt die Hand hin, ihre Augen standen voll Tränen. „Verzeihe, Michael,“ rief sie aus. „Ich bin in einer Erregung, die unbeschreiblich ist. Du bist mir doch nicht böse, wie? Nein, du bist immer ein guter Kerl gewesen und verstehst alles.“

„Was in aller Welt geht hier vor?“ fragte Michael mit gerunzelter Stirn.

„Nimm Platz. Ich werde nach Tee klingeln. Bringen Sie Tee, Anna!“ Sie schrie das Dienstmädchen an, um ihre Beschämtheit zu verbergen.

Lise gehörte zur Klasse jener Blondinen, die zur Üppigkeit neigen und Gefahr laufen, frühzeitig ihre reinen Formen zu verlieren. Ihre sanften Wangen waren voll und immer lebhaft gerötet, als sei sie erhitzt, die Augen, die vorhin, als sie erregt war, so groß aussahen, waren von zarter, etwas verblaßter blauer Färbung. Ein heller, lockerer, etwas unordentlicher Haarschopf wippte über der Stirn.

Sie suchte nervös nach Zigaretten und warf sich auf den Diwan, der dicht neben dem Flügel stand. Das Zimmer war voll von Notenblättern und Büchern, in ziemlicher Unordnung. Der riesige Diwan war mit einer lachsroten Decke bedeckt, und darauf waren einige Dutzend Kissen in grellen Farben verteilt. Eine Stehlampe mit rotem Schirm und langen schwarzen Quasten stand neben dem Flügel.

„Wie schön, daß du gekommen bist, Michael,“ sagte Lise, nur um etwas zu sagen. So lächerlich es war, versuchte sie dem Dienstmädchen, das den Tee servierte, nach dieser erregten Szene vorzutäuschen, daß alles in bester Ordnung sei. „Du siehst gut aus, braun,“ plapperte sie. „Das Landleben bekommt dir gut. Ich war im Sommer in Heringsdorf mit den Kindern und Major Puchmann und seiner Frau.“