„Ich spreche Sie heute noch, Mackentin. Es kann etwas spät werden. Und noch etwas – einen Augenblick – es fiel mir etwas ein – noch etwas,“ wiederholte Wenzel zerstreut. Sein Blick schweifte durch den Raum des Kaffeehauses. Er war bei seinen letzten Worten völlig unsicher geworden, als habe ihn plötzlich das Gedächtnis verlassen. Irgend etwas hatte ihn verwirrt, und doch wäre er nicht imstande gewesen zu sagen, was es war. Diese Gesichter, die um die Tische herum saßen, kannte er fast alle. Seit zwei Jahren bewegte er sich unter diesen Gesichtern. Sie saßen in den Direktionszimmern der Konzerne, der Banken, der Filmgesellschaften, stürzten sich mit ihren Aktentaschen in ihre Autos hinein. Sie waren immer auf der Jagd von einer Konferenz zur andern, hatten nie Zeit, arbeiteten bis in den späten Abend, um ihre Nerven in der Nacht in irgendeinem Spielklub aufzupeitschen. Vielen von ihnen sah man es bereits deutlich an, daß sie nicht mehr mit fünf, sechs Stunden Schlaf auskamen. Die trockene Luft der Dampfheizung und der Zigarrenrauch der Konferenzzimmer hatten sie vernichtet.

Ja, alle diese Gestalten waren seinem Blick vertraut, jede, er kannte ihre Gewohnheiten, ihren Gang – plötzlich aber war unter ihnen eine Gestalt von völlig verschiedener Haltung aufgetaucht. Von einer gelassenen, ruhigen, sicheren Haltung, und diese Gestalt, die er nur dann und wann zwischen den unruhigen Köpfen und den hin und her eilenden Kellnern undeutlich sah, absorbierte auf eine völlig rätselhafte Art seine Aufmerksamkeit so vollkommen, daß ihm die Worte entfielen. Und plötzlich stand über diesen unsteten Gesichtern, die er seit zwei Jahren um sich sah, ein ganz anderes Gesicht: ein Gesicht der Ruhe und Sammlung, mit einem höchst merkwürdigen und feinen Lächeln. In der Tat, es war sein Bruder.

„Mein Bruder!“ rief Wenzel leise aus und erhob sich freudig erschreckt.

In diesem Augenblick sah ihn Michael und kam mit einem frohen Lächeln auf ihn zu. „Ah, da bist du ja!“ rief Michael erfreut aus und drückte Wenzels Hand.

„Mein Bruder Michael, meine Herren,“ sagte Wenzel, und sein dunkles Gesicht wurde vor Erregung um eine Schattierung dunkler. „Ich habe Ihnen von ihm erzählt. Er ist seinerzeit mit dem Stickstoffwerk Logan in die Luft geflogen, aber es hat ihm, da er ein Schellenberg ist, weiter nicht geschadet. Er ist eine der ersten wissenschaftlichen Leuchten unseres Landes.“

„Oh, ich weiß, ich weiß sehr wohl,“ schnarrte Mackentin mit einer etwas steifen Verbeugung, „ich bin sehr wohl informiert. Ihr Bruder erzählte häufig von Ihnen.“

„Da hörst du es!“ warf Wenzel ein und lachte.

„Und zwar mit einer gewissen Schwärmerei, die man selten findet unter Geschwistern. Sehr erfreut, Ihre Bekanntschaft zu machen, Herr Doktor Schellenberg.“

„Wie kommst du hierher?“ fragte Wenzel, nachdem die beiden Herren sich verabschiedet hatten. Erst jetzt schien ihm das Merkwürdige dieses Zusammentreffens aufzufallen.

„Ich war bei Lise, ich wollte dich besuchen.“