Sofort verfinsterte sich Wenzels Gesicht. „Oh,“ sagte er. „Ich verstehe.“
Schon bei dem ersten Blick in das Gesicht seines Bruders hatte Michael erkannt, daß mit Wenzel eine Veränderung vorgegangen war. Wenzels Gesicht hatte früher stets ein gutmütiges, spöttisches Lächeln gezeigt. Dieses Lächeln war verschwunden. Das Gesicht war verschlossen, der Blick kalt, und wenn Wenzel lächelte, so war es nicht das leichte, gutmütige, spöttische Lächeln von früher, es war ein flüchtiges, zerstreutes Lächeln, das urplötzlich wieder erstarrte.
„Du hast nichts vor, Michael? Nun, das ist prächtig. Höre, wir haben uns lange nicht gesehen, wir werden einen herrlichen Abend zusammen verbringen und einander ganze Romane erzählen. Komm jetzt, ich werde dich in eine ganz wundervolle Schlemmerkneipe führen. Der Koch war früher bei einem russischen Großfürsten in Stellung.“ Mit einer scheuen Zärtlichkeit legte er Michael den Arm um die Schulter, während sie das Kaffeehaus verließen.
15
Wenzel war offenbar hocherfreut über das unerwartete Wiedersehn mit dem Bruder. Während sie gingen, legte er den Arm noch fester um Michael. Sein verschlossenes Gesicht löste sich, seine Augen glänzten.
„Wir wollen das Wiedersehen ordentlich feiern, Brüderchen!“ rief er aus, nachdem sie in der Ecke eines kleinen, feierlichen Restaurants Platz genommen hatten. „Was für eine wundervolle Überraschung ist das! Nicht für die schönste Frau Berlins würde ich dich austauschen. He, Kellner, wo bleibt ihr so lange? Seht ihr nicht, daß ich einen erlauchten Gast mitgebracht habe?“
Der Kellner verneigte sich vor Michael. Dann harrte er, diensteifrig, den Notizblock in der Hand, in einer Haltung, die Achtung vor dem hohen Trinkgeld ausdrückte. Hinter dem kunstvoll aufgebauten Büfett dienerte der Küchenchef mit seiner hohen weißen Mütze.
„Frische Oderkrebse sind eingetroffen, Herr Hauptmann.“
„Bitte, Wenzel, ich bin gewöhnt, sehr einfach zu essen,“ warf Michael ein.
„Du wirst essen, was ich dir vorsetze, und es nicht bereuen. Oderkrebse, sagen Sie?“ Wenzel nahm das Einglas aus dem Auge, das er zum Studium der Speisekarte eingeklemmt hatte, und blickte Michael an. „Hörst du? Glaubst du an Vorbedeutungen? Erst vorhin sprach ich mit den beiden Schafsköpfen, die ich dir im Café vorstellte, von der Oder, in ganz besonderer Angelegenheit. Na – also gut, mein Freund, Oderkrebse.“