„Ein halbes Dutzend?“
Nun lachte Wenzel, daß sein starkes Gebiß blitzte. „Ein Dutzend natürlich! Wofür halten Sie uns? In der Brühe gekocht, und dazu, hören Sie, ein Glas von dem alten Sherry, den nur die Stammgäste bekommen. Du mußt wissen, Michael, das Etablissement hat den Weinkeller eines bankerott gewordenen früheren Staatsministers aufgekauft. Kostbarkeiten! Diese Leute waren noch Kenner, das muß man sagen. Also mit den Krebsen bist du einverstanden?“
„Einverstanden, meinetwegen. Seit Jahren habe ich allerdings keine Krebse mehr gegessen.“
„Um so besser werden sie dir schmecken. Aber nun weiter. Sie können einstweilen die Krebse bestellen,“ wandte er sich an den Kellner, der mit einer Verbeugung verschwand. „Aber nun höre weiter,“ fuhr Wenzel fort. „Sie haben hier ein Konsommee mit Spargelköpfen, ein Tropfen nur, herrlich. Gut, angenommen. Und dann sieh hier, Michael, Forellen, Bachforellen. Wie wäre es damit?“
„Was willst du noch alles bestellen?“ fragte Michael.
„Noch alles?“ Wenzel lachte. „Aber höre, es beginnt ja erst. Nun kommen die schweren Kaliber. Alles Bisherige war nur leichtes Schützenfeuer, um den Feind zu reizen. Notieren Sie, Kellner. Brathühner mit diversen Salaten, Kalbsrücken mit Champignons. Keinen Widerspruch, Michael. Hierauf Pfirsich-Melba, und dann Käse. Sodann eine Schwadron Schnäpse. Zuletzt Kaffee – aber Sie kennen meinen Geschmack: so stark, daß sich ein Toter im Sarge überschlägt. Den Sekt haben Sie kaltgestellt? So, das wäre erledigt.“ Wenzel lehnte sich behaglich in den Sessel zurück. „Du lebst wohl sehr bescheiden auf Sperlingshof, Michael?“
„Ich lebe wie ein Bauer.“
„Prächtig siehst du aus! Braun wie das Brot, das aus dem Backofen kommt! Es ist wunderbar, wie ein Bauer zu leben,“ fuhr Wenzel mit einem leichten Seufzer fort. „Zuweilen jedenfalls. Aber auf die Dauer ist es langweilig, sehr, sehr langweilig. Für mich jedenfalls wäre es nichts mehr. Zur Zeit wenigstens. Ich brauche Unruhe, Lärm, Abwechslung – ah, da sind ja die Krebse schon! Und der Sherry! Sieh ihn dir an – die Reliquie eines Weins. Und nun, Michael, laß uns in aller Ruhe genießen. Erzähle mir, wie es dir geht. Erzähle mir von Sperlingshof und deinen Plänen! Du hast gewiß noch die alten Pläne – wie ich dich kenne?“ Wenzel zeigte sein altes, gutmütig spöttisches Lächeln und kniff ein Auge zu.
„Natürlich! Ich sehe nun die Lösung in voller Klarheit vor mir!“ erwiderte Michael eifrig. „Gerade jetzt bin ich dabei, den Arbeitsausschuß zusammenzustellen. Manche Enttäuschung, viel begeisterte Zustimmung –“
Wenzel schüttelte den Kopf. „Unverbesserlich bist du!“ sagte er und zerriß knackend einen Krebs.