„Jenny Florian! Sie ist Schauspielerin, sie ist Tänzerin, man sagt, daß sie sehr gut modelliert und zeichnet. Sie singt auch.“

„Sie hat viele Talente. Alle Wetter!“ Wenzel lachte.

2

Während einer Pause sah er Jenny Florian mit Stolpe und noch einem jungen Herrn, den er schon irgendwo flüchtig kennengelernt hatte, auf der Treppe plaudern. Er trat näher und machte eine kurze, knappe, etwas trockene Verbeugung. „Darf ich Ihnen guten Tag sagen, Fräulein Florian?“

Jenny errötete. Ihr klarer Blick wurde dunkler, und sie ließ den Kopf, wie sie es stets tat, wenn sie verlegen wurde, etwas auf die linke zarte Schulter sinken. „Herr Schellenberg!“ sagte sie. Ihre Stimme war zart, aber sehr hell.

Schellenberg wandte sich an ihren Begleiter mit einer noch kürzeren, noch trockeneren Verbeugung. Diese Verbeugung hatte sich Wenzel in den letzten Jahren angewöhnt, sie war fast geschäftsmäßig und schien auszudrücken, daß er auf Bekanntschaften eigentlich nicht mehr den geringsten Wert lege. „Ich bitte um Entschuldigung,“ sagte er. „Ich habe leider Ihren Namen nicht behalten.“

„Es ist der Maler Katschinsky, Herr Schellenberg,“ warf Stolpe ein.

Katschinsky verzog etwas den schönen Mund, schob die Schultern in die Höhe und reichte Wenzel mit hochmütiger Lässigkeit die Hand. Er war nicht gekränkt, daß Schellenberg seinen Namen vergessen hatte, das konnte vorkommen. Die geschäftsmäßige Kühle aber, mit der Schellenberg ihn ansprach, verletzte seine Eitelkeit. Die Selbstverständlichkeit, die Sicherheit, wenn man nicht mehr sagen wollte, mit der Wenzel ohne weitere Umstände an Jenny herantrat, fand er im höchsten Grade unpassend. Wenn irgendein Mann von einigen Qualitäten mit Jenny plauderte, so fühlte er sich, so töricht es auch war, augenblicklich im Innersten erregt und bereit zu feindlicher Abwehr. Es war nicht Eifersucht, denn über derartige Gefühle war Katschinsky längst erhaben, es war die fortwährende dauernde Angst, daß Jenny an irgendeinem Manne Eigenschaften bewundern könne, die er nicht besaß. Wenzel war groß und stattlich, und der Glanz eines jungen, rasch und kühn erworbenen Reichtums umstrahlte ihn.

Wenzel beobachtete recht gut das hochmütige Zucken um Katschinskys Lippen, aber er ignorierte es. „Ich bitte um Verzeihung, Herr Katschinsky,“ sagte er um vieles freundlicher. „Ich erinnere mich nun genau, wir trafen uns bei der Gräfin Poppow.“ Glücklicherweise war ihm dies in der letzten Sekunde eingefallen, und während er sich wieder an Fräulein Florian wandte, erinnerte er sich eines unbehaglichen Gefühls, das er zuletzt im Salon der Gräfin Poppow empfunden hatte. Diese Gräfin Poppow lebte davon, daß sie jeden Sonntag ihren Salon einer Spielergesellschaft öffnete. Stolpe hatte Wenzel bei der Gräfin eingeführt. Er hatte dort einige Male gespielt, ohne jede Leidenschaft, ohne Genuß, und sich vorgenommen, den Salon der Gräfin Poppow zu meiden, ohne daß er einen bestimmten Grund angeben konnte. Die Atmosphäre sagte ihm nicht zu.

Unter den Spielern im Salon der Gräfin befand sich ein Russe, ein sehr eleganter junger Mann mit einem großen Brillanten am Finger. Diesen Brillanten hielt Wenzel für falsch, und es schien ihm gefährlich, mit Leuten zu spielen, die falsche Steine trugen. Er erinnerte sich, daß Katschinsky neben dem Russen saß und einmal ein Lächeln mit ihm austauschte. Dieses Lächeln hatte ihm mißfallen, er wußte nicht warum.