Schließlich aber fragte er den Chefarzt selbst.

„Jaja,“ entgegnete dieser, „diese Zeitung habe ich allerdings gelesen, mein lieber Kapitän. Eine merkwürdige Sache. Ich habe mich auch sofort erkundigt. Die Redakteure waren aber nicht aufzufinden, trotz aller Bemühungen. Sie existieren gar nicht. Oder nicht mehr. Ich weiß nicht recht, was ich von dieser Zeitung halten soll, mein lieber Kapitän.“

Dann ging Michael Petroff einige Tage niedergeschlagen umher, und seine Depression konnte sich bis zur Melancholie und zur Tobsucht steigern. Aber nach einigen Tagen hellte sich sein Gemüt stets wieder auf. Er begrüßte seine Freunde, bat sie wegen seines verdrießlichen Benehmens um Entschuldigung und machte sich augenblicklich daran, eine neue Zeitung zu entwerfen. Diesmal mußte es ihm gelingen! Aufgepaßt, Doktor März! Dies war Michael Petroff, Kapitän der russischen Armee.

Freund Engelhardt, dem Michael Petroff und der Advokat einen Besuch abstatten wollten, war ein etwa fünfzigjähriger, ergrauter Mann, der sich erst seit einem Jahr in der Anstalt des Doktor März befand.

Er war Schuhmacher von Beruf und saß sein ganzes Leben lang, jahraus, jahrein unter seiner Glaskugel und klopfte Leder. Er war nicht verheiratet, lebte sehr zurückgezogen, und da er fleißig und sparsam war, hatte er sich sogar ein hübsches kleines Vermögen erworben. Da saß er unter seiner Glaskugel und hämmerte und nähte, und nichts ereignete sich. Aber allmählich war ihm diese Glaskugel merkwürdiger und merkwürdiger erschienen. Sie funkelte ihn an, blendete ihn, so daß er zuweilen vorübergehend eine gewisse uneingestandene Angst vor ihr empfand. Sie schien zu wachsen, immer größer und größer zu werden, und ein Tag kam, da sträubten sich die Haare Engelhardts vor Entsetzen. —

Nun litt er an dem wunderlichen und entsetzlichen Wahn, daß er der Mittelpunkt des Universums sei, dessen Aufgabe darin bestand, das Weltall im Gleichgewicht zu halten. In ihm liefen die tausendfältigen Kräfte des Alls zusammen, und er fühlte mit einer marternden Kontinuität, wie die Planeten und Sonnen um ihn ihre Bahnen schwangen, wie es sauste und wetterte da draußen. Wenn eine Kette von Schlittschuhläufern sich um einen in der Mitte dreht, so empfindet der in der Mitte, mit welch ungeheurer Energie die beiden wirbelnden Flügel um ihn kreisen, und er muß all seine Kräfte auf das Festhalten seines Standortes konzentrieren. Ähnlich war das Empfinden Engelhardts, und da die Anstrengung ohne jede Unterbrechung währte, so erschöpfte ihn seine Wahnidee dergestalt, daß er in einem Jahr um Jahrzehnte gealtert war. Wenn auch — wie er sagte — das Weltengebäude vom allmächtigen Schöpfer so wunderbar gefügt war, daß es in alle Ewigkeit in den vorgezeichneten Kreisen und Spiralen (so sagte er) lief, so litt er doch über seine Kräfte unter den geringsten Störungen da draußen. Im Winter hatte er vierzehn Tage schlaflos verbracht, da ein heranschwirrendes Gestirn an ihm zerrte; merkwürdigerweise war in dieser Zeit ein Komet aufgetaucht, dessen Erscheinen die ganze astronomische Welt überraschte. Damals war unter merkwürdigen Erscheinungen der Pfleger Schwindt gestorben, und Engelhardt hatte — nach seiner eigenen Aussage — dessen Seele in sich gesaugt, so daß er zu neuen Kräften kam, die den ganzen Frühling und Sommer anhielten. Jetzt aber ermattete er wiederum von Tag zu Tag mehr unter seiner Aufgabe, und die Kräfte verfielen rapid. Die Sternschnuppen und Meteorschwärme rissen an ihm, so daß ihn Schwindel erfaßte, und besonders der Mond hatte in dieser Zeit eine schreckliche Macht über ihn. Er saugte an seinen Kräften, und Engelhardt hatte das Empfinden, als ob jeden Augenblick der Boden unter ihm einsinken könne und er in die Tiefe sause, und das Weltall über ihm zusammenstürze. —

Als Michael Petroff und der kleine Advokat bei Engelhardt eintraten, nachdem sie eine lange Weile vergebens an die Türe gepocht hatten, fanden sie ihn im Bette liegen, die behaarten abgemagerten Hände schlaff auf dem Kissen. Er hatte die Augen senkrecht in die Höhe gerichtet, und zwar so stark nach oben gedreht, daß man das Weiße sah, und schien irgendeinen Punkt an der Decke zu fixieren. Sein Gesicht war von gleichmäßig gelblicher Tönung und erweckte den Eindruck, als sei es von Porzellan. So glatt war die Haut und so scharf traten die Kanten der Knochen hervor. Die Stirn war ungewöhnlich groß im Verhältnis zu dem kleinen Gesicht und dem kleinen Mund, der wie zum Pfeifen gespitzt schien und eine Menge feiner, der Mundöffnung zuströmender Linien zeigte. So sehr war der Schuhmacher in einem Jahre abgemagert, daß der Kragen seines bunten Hemdes fingerbreit von seinem dünnen Hals abstand.

„Guten Morgen!“ sagte Michael Petroff leise und heiter. „Freunde kommen!“ Der Advokat blieb scheu an der Türe stehen.