Der Advokat zog den Kopf ein, so daß sich sein dünner grauer Bart über der Halsbinde sträubte, und richtete die kleinen Mausaugen furchtsam auf Michael Petroff und zitterte.

Michael Petroff sah ihn erstaunt an. „Was haben Sie nur, lieber —?“ sagte er gedehnt und lächelte. „Sie ängstigen sich? Ja, weshalb, ich bitte Sie? Ich werde sofort zu Doktor März gehen und ihm Freund Engelhardts Anliegen vortragen. Er wird nicht zögern, wie ich ihn kenne, und alles ist in Ordnung. — Ich würde Ihnen ja gerne meine Seele zur Disposition stellen, Freund Engelhardt, aber ich brauche sie selbst noch — ich habe eine Mission zu erfüllen, Sie wissen — ich bin Napoleon, der jeden Tag eine Schlacht schlägt, ich bin —“ Aber er hielt plötzlich inne und lauschte.

„Hören Sie, da ist der Doktor ja!“ flüsterte er. „Er wird sogleich hier sein —“

Doktor März war in den Pavillon eingetreten. Man hörte ihn auf dem Korridor mit jemand sprechen, und alle drei im Zimmer des Schuhmachers lauschten. Die Stimme des Arztes allein war imstande, ihren Gedanken eine andere Richtung zu verleihen und flößte ihnen Hoffnungen, unbestimmte, aber ungeheure Hoffnungen ein. Sie wirkte auf sie ähnlich wie eine Stimme auf Verirrte wirkt, die sich in einer unbewohnten Öde verloren glaubten. Und doch sprach Doktor März nicht viel, er war vielmehr ein Meister im Zuhören geworden, der stundenlang am Tage den Klagen, den Beschwerden und hundert Bitten seiner Patienten lauschte. Aber seine wenigen Worte hatten die Kraft, aufzumuntern, zu trösten, zu erfreuen, und die Stimmung seiner Patienten für den ganzen Tag zu beeinflussen.

Der Advokat fror auf einmal nicht mehr, Michael Petroff lächelte aufgeregt, und Engelhardt hatte den Punkt an der Decke losgelassen und richtete die Augen auf die halb offenstehende Türe. Er hatte den Blick so stark konzentriert, daß seine kleinen blendenden Augen zu schielen schienen.

„Hören Sie, der Rajah spricht mit ihm!“ sagte Michael Petroff und hob lauschend den Finger.

„Sie werden keineswegs bewacht, lieber Freund“, sagte die ruhige Stimme des Arztes.

Und eine fast noch ruhigere tiefe Stimme antwortete: „Ich hörte die Wache die ganze Nacht vor meiner Türe auf und ab gehen, mein Herr! Ich hörte auch die Trommel bei der Ablösung.“

„Lieber Freund,“ entgegnete der Arzt, „Sie haben geträumt.“

„Nein!“ fuhr der Mann fort, den Michael Petroff Rajah genannt hatte, „ich entschuldige Sie, mein Herr. Sie tun nur Ihre Pflicht, ich weiß es. Allein der Takt sollte es Ihnen verbieten, Ihre Maßnahmen in einer solch auffallenden Weise zu treffen. Ich habe Ihnen mein Ehrenwort gegeben, keinen Fluchtversuch zu unternehmen. Sagen Sie das der englischen Regierung, in deren Namen Sie mich hier festhalten. Ich habe ebensowenig Waffen in meinem Zimmer verborgen. Ich ersuche Sie, zu revidieren.“