„Ich weiß es recht wohl, mein Freund!“
„Ich ersuche Sie, trotzdem zu revidieren.“
Der „Rajah“ gab sich erst zufrieden, nachdem ihm der Arzt eine sofortige Revision versprochen hatte.
Während des Gesprächs war Doktor März im Rahmen der Türe erschienen und hinter ihm der „Rajah“. Doktor März war ein kleiner, in einen hellgrauen Anzug gekleideter Herr mit gerötetem bartlosen Gesicht und einem raschen, prüfenden und dabei doch sanften Blick, und der „Rajah“ stand groß und dunkel hinter ihm und füllte fast die ganze Türe aus. Der „Rajah“ hatte einen langen schwarzen Bart und ein dunkelbraunes kühnes Gesicht, aus dem das Weiße der Augen abstach.
Der „Rajah“ war ein einfacher Volksschullehrer, der einige Jahre in Indien an einer deutschen Schule gewirkt hatte. Während eines langwierigen Fiebers hatte sich in ihm die Basis zu einer Wahnvorstellung gebildet, die nach der Rückkehr in seine Heimat gänzlich Besitz von ihm ergriff. Er wähnte, ein indischer Fürst zu sein, den die englische Regierung ins Exil geschickt hatte.
Er war ein sehr stiller und verschlossener Kranker, der nie mit den anderen Patienten sprach. Seine Haltung drückte unermeßliche Ruhe und einen anscheinend ganz natürlichen Stolz aus. Tagelang würdigte er keinen Menschen eines Blickes. Er ging im Garten hin und her, ganz langsam, betrachtete mit verächtlicher Miene Blumen und Bäume und saß jeden Abend, wenn es das Wetter erlaubte, abseits auf einer Bank und blickte in die sinkende Sonne, der er sein gebräuntes Gesicht zuwandte, bis sie verschwand. Und während er in die sinkende Sonne blickte, brannten seine schwarzen Augen von einem dunkeln, sehnsüchtigen Schmerz. Da sah er Palmen, die in der Sonne zerschmolzen, so daß man nur ihre mit Feuerrändern versehenen Kronen, nicht aber die Stämme sah, — Elefanten, die würdig dahinschritten, den kleinen braunen Treiber im Nacken, — goldstrotzende Tempel, braune halbnackte Volkshaufen, die mit Zweigen in der Hand dahinhüpften und helle Schreie ausstießen, — und da sah er auch sich, wie er den großen Dampfer betrat, der ihn ins Exil bringen sollte, und das braune Volk warf sich weinend auf dem Kai nieder. Ein heißer ungeheurer Schmerz erfüllte die Seele des „Rajah“, und er stand auf und schob die breiten Schultern etwas höher, als trage er eine schwere Last. Und er trug sie! Nie klagte der „Rajah“, nie zeigte er Niedergeschlagenheit, nie zeigte er auch nur im geringsten, was in ihm vorging.
Auch in seinem Zimmer verhielt er sich ruhig. Nur selten hörte man ihn sprechen, und nur manchmal — im Schlaf — stieß er einen gedehnten, singenden Ruf aus, wie ihn die Straßenverkäufer im Orient hören lassen.
Als Doktor März eintrat, verbeugte sich der kleine kahlköpfige Advokat, die Mütze in der Hand, und drückte sich schüchtern an die Wand. Er empfand eine grenzenlose Dankbarkeit für den Arzt, der ihn hier still und ruhig bei seinen Blumen und Vögeln leben ließ, ohne je Bezahlung von ihm zu fordern. Er wagte es heute nicht einmal, Doktor März um Brosamen für seine Vögel zu bitten und sich über die nachlässigen Mägde in der Küche zu beschweren, obgleich er es sich fest vorgenommen hatte.
Den „Rajah“ dagegen, der düster, und unnahbar im Gang stand, vermochte der Advokat nicht ohne Scheu und eine innere leise Angst zu betrachten. Um ihm seine Ergebenheit auszudrücken, verneigte er sich tief gegen ihn, und da der „Rajah“ ihn nicht beachtete, verbeugte er sich nochmals, während er die Lippen flüsternd bewegte. Allein der „Rajah“ würdigte ihn keines Blickes. Einen Augenblick lang dachte der Advokat daran, näher zu treten und dem „Rajah“ die Hand zu küssen. Denn er erinnerte sich einer Begebenheit, die sich scharf seinem Gedächtnis eingeprägt hatte: An einem Abend hatte er den „Rajah“ im Korridor getroffen und ihm seine Verbeugung gemacht. Sie waren ganz allein. Da kam der „Rajah“ auf ihn zu und sagte mit tiefer, gedämpfter Stimme „Getreuer“ und streckte ihm die Hand zum Kusse hin. „Warte!“ sagte der „Rajah“ weiter. „Ich will dir meine Gunst bezeugen. Ich habe ja nicht mehr viel von den Schätzen übrig, die ich mit ins Exil nahm, aber — hier, nimm, nimm!“ Und der „Rajah“ hatte ihm einen kleinen grauen Stein in die Hand gedrückt.
Michael Petroff dagegen betrachtete Doktor März mit einem lächelnden und forschenden Blick, während er sich höflich gegen die Türe zurückzog. Er beugte den Kopf dabei etwas in den Nacken, neigte ihn ein wenig auf die Seite, und sah den, Arzt an, als ob er eine ganz besondere Nachricht von ihm erwarte und als ob er genau wisse, daß Doktor März heute eine ganz besondere Nachricht für ihn habe. So zuversichtlich sah er ihn an, und ein Lächeln umspielte seinen schönen Knabenmund.