Engelhardt aber, dessen Brauen vor Schmerz wie mit Klammern in die Höhe gespannt waren, hatte sich im Bett halb aufgesetzt und trug dem Arzt seine Leiden und Wünsche vor. Er sprach in der Kehle, rasch, murmelnd und fast unverständlich, und seine Stimme klang wie das ferne Kläffen eines Dorfhundes, das man in einer stillen Nacht hört.

Daß er zu Ende sei mit seinen Kräften, — der Mond saugt! — daß ihn in der Nacht Tausende von Menschen auf den Knien angefleht hätten, sie nicht der Vernichtung preiszugeben, — daß nur eine neue Seele ihm wieder Stärke verleihen könne, — daß er fühle, wie er sich mehr und mehr nach links neige und das Weltall jeden Augenblick zusammenstürzen könne: all das stieß er wirr und kaum verständlich heraus, die kranken Augen hilfesuchend auf Doktor März geheftet.

Doktor März hörte ernst zu, auch Michael Petroff und selbst der „Rajah“, der unter die Türe getreten war. Und da alle so ernst zuhörten — besonders der „Rajah“, der seine großen glühenden Augen auf Engelhardt gerichtet hatte — so wurde der kleine Advokat wieder von seiner früheren Angst gepackt. Es war ihm, als sänken seine Beine, in den Boden hinein, wie in einen Sumpf, aber gerade in dem Moment, da die Angst wie eine große schwarze Finsternis über ihn sinken wollte, setzte sich ein Vogel zwitschernd auf das Fensterbrett, und der Advokat war wie verwandelt.

„Ich komme!“ flüsterte er hastig.

„Bleiben Sie doch!“ sagte Michael Petroff leise zu ihm und griff nach seinem Arm. „Wohin denn?“

„Er rief mich!“ entgegnete der Advokat und schlüpfte rasch hinaus.

„Wie er eilt!“ dachte Michael Petroff und hörte sich selbst im Innern lachen. Und später sagte er zu Doktor März, indem er ihm vertraulich die Hand auf die Schulter legte: „Dieser Advokat ist gewiß ein kluger und gebildeter Mann, — und doch glaubt er, daß die Vögel ihn rufen! Unter uns, Doktor, haben Sie nie den Gedanken gehabt, daß es mit ihm nicht ganz in Ordnung ist —?“

Nach Tisch ergingen sich wie gewöhnlich die Patienten des Doktor März im Garten. Sie trotteten in kleinen Trüppchen hintereinander her, immer um das große Blumenbeet herum, in gleichen Abständen, schweigsam, in Gedanken versunken. Nur der „Erfinder,“ ein junger Mann, blieb zuweilen stehen, stemmte die Hand in die Seite, legte den Finger an die Stirn und fixierte einen Punkt am Boden.

Der Advokat begoß seine Blumen und lauschte verzückt auf das Zwitschern der tausend und abertausend Vögel, die in den Büschen und Wipfeln hüpften. Michael Petroff war in ganz ausgezeichneter Laune. Es gab da Neuigkeiten —! Man höre, man höre! Er rauchte, jeden Zug genießend, eine Zigarette, die ihm Doktor März verehrt hatte. Die Zigarette schwang er zwischen den kokett gespreizten Fingern in großem Bogen, als zöge er grüßend den Hut, und so oft er einen Zug nahm, blieb er stehen und blies den Rauch senkrecht in die sonnige Luft empor und sah zu, wie der blaue Rauch zerging. Aus allen Dingen strömte ihm Entzücken zu. Selbst das Gehen empfand er als eine Lust. Er machte kleine Schritte, drückte die Knie durch und fühlte mit Vergnügen die elastische Behendigkeit, mit der sich seine zuweilen leise knackenden Zehen und seine Ballen in den dünnsohligen Schuhen vom Boden abstießen, während seine Fersen den Weg nur flüchtig berührten, und das Spielen seiner Knie. Blieb er aber stehen, so spannte er die Muskeln seiner Schenkel durch Eindrücken der Knie an, und empfand wiederum Vergnügen über die Festigkeit, mit der er dastand, wie eine Statue. Er war überzeugt, daß nichts ihn hätte umwerfen können. Lächelnd und Seligkeiten mit den Blicken austeilend ging er dahin, er grüßte jeden, und so oft er einen Bekannten traf, erzählte er ihm das große Ereignis, das heute eingetreten war.