Nun lebt kein Schweigen mehr im Hause. Nun lebt der Schrecken im Hause. Wo man hinsieht, kauert er, in allen Gesichtern kauert er und wo man hinhorcht, hört man ihn. Ingeborgs Rufen und Jammern wird für immer in den Sälen des Hauses bleiben.
Der Arzt mißt die Temperatur, zählt den Puls und gibt Befehle. Seine Mienen sind verschwiegen, er zuckt die Achseln.
Ich bin bleich und verstört, ich verstehe nicht, was man zu mir sagt. Mein Körper ist wie gelähmt, ich kann keine Miene mehr bewegen, aber ich schlafe nicht.
Auf einige Minuten überfällt mich hin und wieder der Schlaf, das ist alles. Ich blicke in den grauen Wald, über dem die geballten Wolken hängen, und der Schrecken greift in mein Herz. Ich blicke auf Ingeborg, die ohne Bewußtsein liegt, und es ist mir als presse eine Hand mein Herz zusammen wie eine Frucht.
Wie gut ist Karl! Er schläft nicht. Er sitzt nebenan im weißen Salon, einen großen Atlas auf den Knien und studiert Geographie. Es ist hübsch, wie ein Vogel über die Kontinente da unten zu fliegen, sagt er. Ich weiß wohl, daß ihn die Kontinente gar nicht interessieren, daß er leidet und es niemandem zeigen möchte. Und er beginnt stets von einem ähnlichen Falle zu sprechen, so oft er mich sieht.
„Meine Schwester — zwanzig Tage — welch ein Fieber, Axel! Heute lachen wir, tolles Zeug sprach sie.“
„Mut! Axel, schlafe! Wir wachen ja. Der Alte sagt, Ingeborgs Natur sei außerordentlich kräftig.“
„Es ist schon gut, danke,“ sage ich und begebe mich wiederum zu Ingeborg. Ich friere, meine Kleider sind durchnäßt, aber ich habe ja keine Zeit, sie zu wechseln. Sodann ist es ja auch höchst einerlei, ob meine Kleider naß sind oder nicht. Man mußte an einen Soldaten im Kriege denken, acht Tage keinen Schlaf, acht Tage im Schneegestöber mit zerschossenen Fingern, man mußte an einen Seemann denken, acht Tage Sturm. Meine Füße sind erstarrt, ich fühle den Boden nicht mehr, wenn ich gehe, bergauf, bergab scheine ich zu steigen, oft ist es mir, als ob ich auf den Knien ginge.
Ich weiß nicht wie lang mein Arm ist. Ich halte die Hand hinaus und ich glaube, mein Arm sei so lang, daß ich die Türe öffnen könnte, ohne vom Stuhle aufzustehen. Zuweilen denke ich, ich sei umgefallen und liege auf dem Boden, aber ich sehe doch, daß ich aufrecht stehe. Das Zimmer schwankt wie ein Schiff.
Aber sobald ich bei Ingeborg bin, sammeln sich meine Kräfte und ich verspüre weder Müdigkeit noch Schlaf.