Ingeborg lächelt und nickt.

„Ja,“ sagt sie und blickt in die Weite.

18

Es gab einen Tag, an dem sie noch nicht die Augen geöffnet hatte.

Die ganze Nacht hatte sie gefiebert und geredet und phantasiert, nun lag sie vollkommen erschöpft und still.

Ich saß neben dem Bette und beobachtete sie. Ihr Atem ging schnell und leicht, sie war durchsichtig blaß, mit bläulichen Schatten unter den Augen und in den Wangen. Ihre fahlen Lippen waren halb geöffnet und die langen Wimpern schwebten über den Augen, die als ein schmaler Spalt zu sehen waren. Der Puls am Handgelenk zuckte.

Am Vorhange spielte eine bleiche Sonne, es wurde wieder dunkel und abermals spielte die bleiche Sonne an den Vorhängen. Eine Uhr ticktickte. Sie hämmerte und von Zeit zu Zeit begann es im Gehäuse zu sausen und zu klingen. Zuweilen war es mir, als bewege ich mich sehr schnell von der Stelle, als säße ich in einem dahinfliegenden Zuge. Am Vorhange bewegten sich die Schatten von Blättern auf und nieder, sobald die Sonne schien, und dann und wann kamen sie so nahe, daß man deutlich ihre Form unterscheiden konnte. Es waren Lindenblätter mit langen Zähnen am Rande.

Ich sah auf das Zifferblatt der Uhr und entdeckte, daß der Minutenzeiger zuckte wie ein langsamer Puls. Alles im Zimmer begann zu zucken wie Ingeborgs Puls. Plötzlich blieb die Uhr stehen und ich erschrak. Schweigen erfüllte das Zimmer und die Schatten an den Vorhängen regten sich nicht mehr.

Es verging eine unendlich lange Zeit, die mit ganz sonderbaren Dingen angefüllt war. Die kleine dunkle Spalte unter Ingeborgs Wimpern veränderte sich nicht, ihre Lippen schienen erstarrt zu sein.