Ingeborg regte sich nicht mehr, sie lag ganz still und schien länger geworden zu sein. Ich sah immerfort diese kleine dunkle Spalte unter Ingeborgs Wimpern an, sie klaffte, sie war starr. Was ist das? dachte ich.
Ich konnte mich nicht bewegen, ich wollte aufstehen, aber ich war wie gelähmt, ich wollte rufen, aber ich konnte nur die Zunge gegen die Zähne drücken, nicht einmal die Lippen konnte ich bewegen. Ingeborg lag steif und still.
Da hörte ich eine Türe gehen, der Arzt trat lautlos ein. Karl stand unter der Türe, ich sah ihn stehen, obgleich ich nicht hinblickte. Der Arzt trat ans Bett und hob Ingeborgs Hand in die Höhe, diese Hand knickte im Gelenk ab und fiel leblos auf die Decke zurück. Der Arzt blickte mich an, ich nickte. Karl kam, strich über mein Haar, und wieder nickte ich. Der Arzt ging, Karl ging.
Ich begriff nichts. Ingeborg war tot? Nein, es konnte nicht sein.
Es entstand ein Flüstern im Zimmer nebenan, die Türe wurde ein wenig geöffnet und in der Spalte zeigte sich eine Menge Gesichter, die Mägde und Knechte waren es. Jemand schluchzte und einer machte: Pst! ganz leise.
„Klaget nicht,“ sagte ich und stand auf. „Ihr müßt nicht klagen, ihr müßt euern Schmerz mit Würde tragen, Freunde.“
Ingeborg war tot, aber ich empfand keinen Schmerz. Es schien, als sei mein Herz mit Ingeborg gestorben. Die Sonne flutete gegen die Vorhänge und Ingeborg lächelte friedlich, wie ein Kind, das vom Himmel träumt.
Ingeborg ist tot. Ein Mann trägt seinen Schmerz mit Würde.
Weinet nicht, ihr Knechte und Mägde. Ihr müßt euern Schmerz mit Würde tragen.
Man würde Ingeborg in die Erde versenken, oder man würde ihren Leichnam mit Salben durchtränken, um ihn gegen die Verwesung zu schützen. In der Ahnengruft drunten in der Kirche schliefen viele Frauen.