Bin ich irrsinnig gewesen? Vielleicht. Vielleicht war all dieser Irrsinn gar nicht notwendig? Vielleicht wäre Ingeborg ganz allein genesen? Ich weiß es nicht. Es gab aber Stunden, da ich wußte, daß es kein Irrsinn war, nein, nimmermehr! Da ich wußte, daß Ingeborg nicht ganz allein genesen wäre.
Alles verwirrt sich in mir. Aber ich glaube, daß der Mensch nur in einer Stunde, nur einer einzigen Minute seines Lebens vielleicht, mehr ist als ein Mensch, viele, viele, ja die meisten Menschen erleben sie nie, diese einzige Minute. Und dann ist er wieder gewöhnlich und selbst über seine göttliche Minute urteilt er gewöhnlich.
Wäre Ingeborg tot gewesen, ich hätte sie wieder erweckt, ich hätte ihr Herz wieder in Bewegung gebracht, mit meinem Gedanken, mit meinem Glauben hätte ich sie wie mit Strahlen durchglüht, bis das Herz wieder geklopft hätte. Ich hätte nicht nachgelassen, nein, ich hätte gekämpft bis zum Tode oder bis zum Wahnsinn. Das weiß ich noch. Es war dies meine Stunde!
Ingeborg war nicht tot, aber der Arzt hatte sie aufgegeben. Sie lag lang ausgestreckt, die Augen geschlossen, ohne Kraft. Ihr Körper zitterte leicht im Fieber, vom Kopfe bis zu den Zehen lief das Zittern, herauf, hinunter. Ich saß bei ihr und hielt ihre Hände in den meinigen und dachte nichts als dies: Du darfst nicht von mir gehen! Der Gedanke erfüllte mich mit einer nie gekannten Macht, mein Gehirn war starr, meine Sehnen gespannt, wie Erz war mein ganzer Körper. Ingeborg verfärbte sich, das Fieber wechselte, der Frost schüttelte sie. Ich legte mich zu ihr, neben sie legte ich mich und wärmte sie mit meinem Leibe — ich dachte — immer das gleiche — —
Nein, ich kann es nicht wieder denken. Das ist dies, was man nicht ein zweites Mal denken kann — —
Ich habe gebetet, ich schäme mich nicht es zu sagen. Ich habe nicht zum Gott der Juden oder Christen gebetet, ich habe zu Gott gebetet, dem Einzigen. Der Schweiß stand auf meiner Stirne, er lief mir über das Gesicht. Schrecken, Angst — — —
Es sind geheime Kräfte in der ganzen Natur verborgen, die zog ich an mich, ich lenkte sie durch meine Brust, ich leitete sie in Ingeborgs Körper, den der Tod anfiel, sie, die Kräfte des Lebens, des Bewegens, des Wachsens.
Ich weckte Ingeborgs Seele, die schon entflohen war, ich rief sie zurück, ich ruhte nicht. Ich gab nicht nach. Ich betete und machte den starken Gedanken noch stärker, immer wieder stärker. Meine Seele und die Ingeborgs waren ein feines geheimnisvolles Gewebe geworden, es konnte zerreißen, ja, aber es konnte sich nicht lösen. Wir beide oder keines.
Ingeborg phantasierte, ihre Seele schwankte bis zum Grunde, hin und her wälzte sie sich. Ich sah Gott ins Auge, ich bat ihn, ich drohte ihm!
Ingeborg stieß hastige Worte hervor, eine fremde Sprache schien es mir. Es vergingen Stunden. Dann endlich vernahm ich ein Wort.