„Mutterchen,“ flüsterte Ingeborg.
Und ich legte meine Lippen an ihr Ohr und rief: „Mutterchen ist bei dir! Du bist meine kleine süße Ingeborg!“
Ich umschlang Ingeborg und küßte ihre Wange, die so heiß war wie ein glühender Stein. Ich liebkoste sie, streichelte sie, wiegte sie hin und her.
„Mutterchen ist ja da!“ Ich flüsterte und rief ihr alle kindlichen Kosenamen ins Ohr. So weich machte ich meine Stimme.
Ich beruhigte sie mit vielen Worten, wie eine Mutter ihr Kind beruhigt, und ich sagte ihr hundertmal, daß Mutterchen bei ihr sei.
Ich hatte Ingeborgs Seele gefaßt, ich ließ sie nicht mehr los. Ich lauschte verzweifelt, ich machte mein Ohr ganz scharf, spitzig, denn es war schwer aus den wirren Worten herauszuhören, was diesen fiebernden Kopf beschäftigte. Hin und her ging es. Wie ein Irrlicht in der Nacht irrte Ingeborgs Gedanke, dahin, dorthin, und es war übermenschlich schwer, ihm zu folgen und ihn für einige Sekunden festzuhalten. Die Schule, Graf Flüggens Schloß, der Wald, wirre Kindheitserlebnisse, Axel, Karl, der Park, die Statue in der Allee, Tiere, Pazzo.
So vergingen lange Stunden. Und wie ein Mensch einem Tollgewordenen durch Gassen, Felder, Hecken, Feuer und Wasser nachrennt und ihn zu haschen sucht, so folgte mein Gedanke dem irrenden Gedanken Ingeborgs.
Ich hörte wohl, daß der Regen gegen die Scheiben trommelte, daß der Wald brauste und der Donner rollte. Aber all das war in weiter Ferne.
Es gelang mir, Ingeborg beim Sonnenschein und den Blumen und den Vögeln festzuhalten. Ich ahmte das Rauschen der Bäume, das Pfeifen der Amseln, das Zirpen der Grillen nach, und das Lachen von Kindern, Frauen und Knechten.
Ingeborg wurde ruhiger. Ihr Blick haftete an meinen Augen und ich mußte die Augen scharf und stechend machen, um den glitzernden zitternden Blick Ingeborgs zu bannen. Ich sprach, lachte, rief und preßte Ingeborg an mich. Man sah es ja, daß ich Ingeborg festhalten konnte! Sie gehörte nun schon mir und ich ließ sie nicht mehr los. Meine Kräfte wuchsen, die Hoffnung ließ sie wachsen.