Ich schlief sehr wenig in diesen ersten Wochen. Ich saß in der Bibliothek und las. Ich spielte Klavier. Da kam dann Ingeborg aus allen Tönen, in allen Gebärden, es war schön, aber oft mußte ich aufhören.

Ich saß auf dem Fenstersims in den weißen Zimmern und wartete auf den Morgen. Ingeborg war um mich.

Ein Duft von Waldmeister war in den weißen Zimmern, er war mir früher nie so stark aufgefallen. Am Morgen, da wohnte die Frühsonne darin. Es tummelten sich Milliarden blitzender Fünkchen in den weißen Räumen, sie flogen mir in die Augen, so daß ich sie geblendet schließen mußte. Nachts da zitterte ein gespenstisches, mattes Licht über allen Dingen und die welken Sträuße in den Vasen und Krügen begannen zu duften. Ihr Geruch war der Geruch der Vergangenheit, man wußte: hier hat jemand gewohnt. Entblätterte Rosen lagen auf dem Boden, gelber Blütenstaub auf der Tischdecke. Ein feiner Geruch von Ingeborgs Gewändern und ihrem Nacken, ihren Haaren schwebte aus den toten Möbeln. Ich saß auf dem Fenstersims, im blauen Mondlicht und plauderte mit ihr. Ganz wie einst. Wir führten Gespräche und ich ahmte Ingeborgs Stimme nach, so gut es ging. Wir führten mitunter scherzhafte Gespräche, ich stellte mich ungeschickt, unwissend. Wir lachten. Wir plauderten.

Der Mond geht auf, ich sage:

„Der Mond ist ein Brief von Silber, den die Sonne an die Erdenkinder schreibt, weil sie verreist ist, Ingeborg.“

Alte Worte.

„Soll ich dir den Mond schenken, Ingeborg?“

Ingeborg lacht. „Ich schenke dir die Schmetterlinge von hundert Sommern, Axel. Willst du?“

Alte Worte.

Zuweilen schauere ich zusammen. Es ist so stille in den weißen Zimmern und ich spreche mit einem Gespenste.