Vergessen waren die finsteren Nächte!
Den ganzen Nachmittag trieb ich mich im Walde umher und ich war ausgelassen wie ein Knabe. Hundertmal las ich Ingeborgs Brief. Immer noch läutete der Wald. Es war ein herrlicher Tag, der mit sanfter Dämmerung zu Ende ging.
Es begann zu rieseln im Walde, als regne es.
Ich kam auf die Bergstraße. Aus einer gelben, großen Wolke fiel der Regen in dünnen Schnüren durch die blaue Dämmerung. Blaue Adern zuckten über den Weg. Das Laub auf der Straße und zwischen den Bäumen erschien wie ein schöner Teppich.
Ein Schritt klang auf der Straße und ich wandte mich um. Ein schmächtiger Mann mit bleigrauem Gesichte und kurz geschorenen Haaren kam die Straße herauf. Seine großen Augen flammten. Er schwang den Hut in der Hand und ging langsam, wie von schwerem Unglück gebeugt. Aber als er näher kam, bemerkte ich, daß er nur langsam ging, um ein wenig zu ruhen. Er kam wohl weit her. Seine Schuhe waren ganz weiß vom Staube, mit schwarzen Sternchen darauf, vom Regen. Er hatte das verhärmte Gesicht eines Mönches und die leuchtenden Augen, die frei und klar in die Welt sahen, beleuchteten es.
„Grüß Gott!“ rief der Mönch und schwang den Hut.
„Grüß Gott!“ antwortete ich.
Der Wanderer blieb stehen und blinzelte.
„Ha!“ rief er, „ein herrlicher Regen! Wie! Diese Luft! Dieser Regen — der reinste Wein!“ Er blinzelte, nickte, drehte den kahlen Schädel nach links und rechts und blinzelte wiederum.
„So ein Baum! Was? Eine Buche! Weiß der Himmel, diese Welt ist ein einziges Wunder!“