Vater Giselher schob sich durch die Gruppe. Er nahm ein dickes Buch zur Hand und stellte sich hinter die Kerze. Seine Gestalt war aufrecht wie immer, und sein bärtiger Kopf saß fest und gefaßt auf den breiten Schultern.

Klar und hell war sein Auge.

Und er schlug das Buch auf und begann zu lesen. Wir standen um den Sarg und hatten die Hände gefaltet, die Greise und Mütterchen, die Kinder, und auch ich hörte zu mit gesenktem Kopfe, mit gefalteten Händen, wie die andern.

„Es stehet geschrieben in Gottes Wort,“ las Vater Giselher, „in den Psalmen Davids, Psalm 39, Vers 6 bis 8: Siehe meine Tage sind einer Hand breit bei Dir und mein Leben ist nichts vor Dir. Wie gar nichts sind alle Menschen, die doch so sicher leben! Sela. Sie gehen daher wie Schemen und machen sich viel vergebliche Unruhe, sie sammeln und wissen nicht, wer es kriegen wird. Nun Herr, wes soll ich mich trösten? Ich hoffe auf dich.“

Vater Giselher schloß das Buch. „Ich hoffe auf dich! Brüder und Schwestern im Herrn — eitel sind unsere Hoffnungen dieser Erde, wes soll ich mich trösten? Ich hoffe auf dich.“ Vater Giselher sprach und sprach. Laut und markig klang seine Stimme und seine wasserblauen strahlenden Augen wanderten im Kreise umher.

Vater Giselher sprach lange von den Tugenden der Gestorbenen und der Herrlichkeit des himmlischen Reiches und Gottes hoher Gnade. Wenn er den Namen Gottes oder des Erlösers aussprach, so neigten die Männer und Weiber den Kopf.

Dann schwieg er und nach einer kurzen Pause begannen sie alle wie auf ein Zeichen das Vaterunser zu beten. Allen wurden die Augen naß, nur Vater Giselhers Auge blieb trocken.

Vater Giselher trat an den Sarg und sprach: „Ich sehe dich an und ich sehe dich nicht zum letzten Mal. Ich werde dich da droben wiedersehn, so wahr Gott ist, und Freude wird in unsern Herzen sein.“

Der Sarg wurde geschlossen und hinausgetragen und auf den Karren gelegt. Der Bauernbursche sagte: hüh! und der Schimmel wieherte und stampfte durch den Schnee.

Neben dem Sarge schritt Vater Giselher, das Trüpplein der Kinder folgte ihm, dann kam der Zug der alten Weiber und Männer und weit hinter allen ging ich.