„Ich erschrak, Axel. Nun sollst du alles hören. Ich habe ihm mein Wort gegeben — es war einige Tage nachdem ich dir auf der Höhe gesagt hatte, daß ich dich liebte. Er kam zu mir in den Garten. Man sieht Sie ja jetzt so selten, sagte er. Ich gehe viel spazieren. Ja, fuhr er fort, die Krone eines Fürsten ist mehr wert, als der Ruhm eines Geigers. So dumm und plump war es. Aber ich war in diesen Tagen unglücklich und hilflos, deshalb zürnte ich ihm nicht. Ich lachte. Was sagen Sie da! rief ich und lachte. Ach, Usedom, wie töricht können Sie doch zuweilen sein. An diesem Abend gab ich mein Wort, aus Trotz geschah es. Er legte seine Hand auf meine Schulter, und ich dachte an dich. Das sollte er sehen, dachte ich, das sollte er nur sehen! Ich ging mit Usedom im Walde herum, nur um dir zu begegnen und dich zu verletzen. Du wirst das nicht verstehen, nein, du nicht. Ich war unglücklich und gedemütigt, ich war verwirrt im Kopfe. O, wie gerne wäre ich damals mit dir gegangen, gleich zu dir hingegangen, und ich sah dich kaum an und sprach mit Pazzo — — —“
Wir sitzen in der Sonne auf einer Wiese. Ingeborg singt leise und bindet einen Strauß aus Feldblumen. Ich liege im Grase und lausche und sehe zu, wie Ingeborg den Strauß bindet. Nie in meinem Leben hörte ich solch eine Stimme, nie in meinem Leben habe ich so etwas Schönes gesehen wie Ingeborg. Ihre Wimpern sind golden und lang. Es ist, als ob sie eine kleine Sonne unter den Lidern habe, die hervorstrahle. Ihre Brauen sind golden, regelmäßig und hochgeschwungen, goldene Bogen, man sieht jedes einzelne Härchen. Wie mit einem Pinsel scheinen sie gezeichnet und eines Japaners Hand schien den Pinsel geführt zu haben. Ihre Stirne ist hoch und rein und dahinter stecken all die vielen Gedanken, die sie selbst noch nicht kennt. Ingeborg dreht den Strauß hin und her und drückt ihn mit mütterlicher Liebe gegen die Brust. Es singt ein Vogel im nahen Walde, Ingeborg hält inne und lauscht.
Sie fühlt meinen Blick, hebt die Lider und lächelt mir zu. Sie beschäftigt sich wieder mit ihrem Strauße, vergißt mich ganz, macht ein rundes Kindermäulchen und lächelt die Blumen an und singt leise.
Sie ist fertig. „Ist er schön?“ fragt sie.
„Ja!“
„Nun, so nimm ihn! Aber hüte ihn gut.“
Ingeborg ist die Mutter der Blumen und Vögel und sie streichelt die Bäume. Sie kennt alle Kräuter, die Namen aller Vögel, aller Büsche. Sie blickt in die Wipfel der Bäume, als sehe sie Gesichter, und ich habe sie dabei ertappt, daß sie mit Blumen plauderte wie mit Kindern.
Ingeborg ist im Walde geboren.
Ich sehe sie heute, ich sehe sie morgen, jeden Tag sehe ich sie. Jeden Tag glaube ich sie zum erstenmal zu sehen. Und mein Herz bebt nicht minder, kommt sie daher, als am ersten Morgen.
In dieser Zeit lag ich oft lange über Mitternacht vor meinem Hause im Grase. Silbern schimmerte das Tal und die Wölkchen am Himmel. Dunkele Vögel strichen lautlos über den Wald, Leuchtkäferchen segelten vorüber, zuweilen setzten sie sich in meine Nähe und ich ließ sie nicht aus den Augen. So klein wie sie waren, so stumm und prächtig. Sie liebten sich und sie waren so glücklich wie ich großer Käfer. Ich sah ihnen nach, bis sie in der Dunkelheit der Gebüsche verschwanden. Viele Käferchen, Nachtfalter und Motten mit silberigen Flügeln waren unterwegs.