„Hm. Der Herr Graf ist ein biederer Mann mit einem Herzen, das Gott gefällt. Er hat Ingeborg zu sich genommen und sie zu einer feinen Dame erzogen — das ist alles schön und recht. Sie hat einen klaren Kopf, Ingeborg, das hat der Herr Graf in der ersten Stunde gemerkt. Wer ist dein Vater? hat der Herr Graf sie gefragt. Er haut Bäume um für die Schiffe und meine Mutter ist aus Dänemark, hat sie ihm geantwortet. Sie gefiel ihm, in Sonderheit ihre Stimme hat ihm recht gefallen — alles schön und recht, es fressen viele Mäuler aus meiner Schüssel. Ein Mensch muß auch etwas wissen in unserer Zeit. Das haben wir nicht im Walde. Alles schön und recht. Ich habe sie nicht gerne hergegeben, aber es war ja viel besser für sie und Eigennutz ist nichts nutz. Nun, nun, nun, ich konnte sie ja auch oft sehen, ich fragte, was mit dem Waldschlag am Weiher sei, ich fragte, was mit der Streu sei, — ich hatte Holz zu fahren — ja, es gab immer dann und wann einen Grund ins Schloß zu kommen, ja, ja, ja, gut.“

„Alles schön und gut“, sagte Fürchtegott Giselher und wiegte den Kopf auf den breiten Schultern hin und her.

„Alles schön und gut, ja ja.“ Fürchtegott Giselher räusperte sich und nahm den dicken Stock in die Hand und schwenkte ihn ein wenig auf und ab.

Er blickte mich an und murmelte etwas in den Bart. Dann blies er durch die Lippen, daß der Schnurrbart flatterte.

„Alles schön und gut, aber zuweilen denke ich, daß es vielleicht besser für Ingeborg gewesen wäre, wenn sie nicht ins Schloß gekommen wäre. Lieber arm bleiben, aber richtig im Herzen, als eine feine Dame werden — nun nun, hm, verstanden?“

„In den Wald, mein Herr, da kommt die Sünde nicht. Hören Sie, Herr, im Walde — ha — dada, was ist im Walde? Was ist im Walde nicht, sage ich. Schweigen, dunkel, grün und ein Specht klopft. So! Ich sitze vor meiner Hütte und es wird Abend. Es gibt keinen Abend in Städten und Schlössern, nur im Walde. Da ist er. Du kannst ihn anfassen, er sitzt neben dir auf der Bank! Es saust im Walde, es duftet im Walde, Harz tropft von den Bäumen. Herr, wie saust der Wald! Ich höre es. Fünfzig Jahre lebe ich im Walde und nun höre ich, wie er saust. Es saust ringsumher. Der Wald spricht! Worte gehen mir durch den Kopf, Worte wie sie in den Büchern stehen. Ich sitze auf der Bank und klopfe mit der Pfeife den Takt. Ich klopfe den Takt mit der Pfeife, ich will die Worte aussprechen — — fort sind sie. Hahaha! Ich bin nur in der Dorfschule gewesen, nur in der Dorfschule — Herr, wo ist der Feiertag so schön wie im Walde? Ich habe ein frisches Hemd an und meine besten Kleider, ich sitze vor der Hütte und horche auf das Rauschen der Bäume. Ah! Hört ihr es? Es säuselt. Die Wipfel verneigen sich. — — Das ist der Herr!! Der Herr geht durch den Wald, und ich höre es. Ich stehe auf, nehme den Hut ab und sage — — Herr?! — Ich höre ihn, höre seine Worte, und ich strecke die Hand aus und spreche zu den Bäumen — zu den — — — ich spreche zu ihnen —“

Der Mann aus dem Walde saß steif und mit ausgestreckter Hand und strahlenden Augen, gerade als ob er zu den Bäumen spräche.

„Es werde Licht! sage ich. Licht! Verstehst du, Sohn des Himmels, was das ist? Licht! Es werde Licht! Ich höre Stimmen, ganz deutlich, ich lausche. Ich höre sie ganz deutlich. — — Ich lausche — — fort sind sie. Das ist der Wald.“

Und Fürchtegott Giselher sprach noch lange über den Wald, er sagte, daß am Sonntag alte Männer und Frauen zu ihm kämen und er ihnen die heilige Schrift auslegte. Woher habe er aber diese Gabe, die heilige Schrift auszulegen? Von Gott und vom Walde! Dann rückte er auf dem Stuhle zurecht und sagte: „Ich bin von Gott geschickt, um dir das zu sagen. Es ist noch Zeit umzukehren. Bei den Büchern und nackten Frauen an den Wänden ist Sünde, im Walde ist Gott. Zwischen dir und mir ein Abgrund, mein Freund!“

Seine Augen funkelten, er zog auf dem Boden einen Strich mit dem Stock. „Hier arm, hier reich, hier Gott, hier Teufel. Jawohl!“ Er schüttelte den Kopf, daß seine Haare flatterten, und fuhr in erregtem Tone fort: „Die reichen Leute sind für die Hölle. Reich und gottlos ist ein Ding. Meine Tochter wurde reich, nun, ich ließ sie nicht von mir und ihrer Mutter, auf daß sie auch gottlos werde! Sie hat arme Eltern, die im Walde wohnen, da kann sie nicht gottlos werden, nein!“