Sommer! Unser Sommer. Wir wohnen hoch oben über dem Tale, wie Vögel in ihrem Horste. Wir fühlen uns stolz und frei, etwas vom Stolze und dem königlichen Gefühle der Adler ist in uns gekommen. Tief unten das kleine Tal, Berge, Berge, Wälder, Wälder, soweit wir blicken können. Viele Stunden weit reicht unser Blick, bis zu den fernen hellblauen Höhenzügen, die den weiten Himmel tragen. All das was wir sehen ist für uns zu einem Gesichte geworden, in dem wir lesen, lächeln kann das Gesicht, schmunzeln, es kann hilflos aussehen, es kann vor Zorn und verhaltener Wut beben, todtraurig kann es sein, gleichgültig. Es kann ein Zittern der Rührung über dieses Gesicht rieseln, wenn die feurigen Boten der Sonne am Morgen über den Himmel schweben, das Gesicht kann voller Sehnsucht der scheidenden Sonne nachblicken, verzweifeln, wenn die Sonne gesunken ist, sterben.

Der Mond kommt und kitzelt es, es lächelt, es kichert.

Wie schwebte der Mond in diesem Sommer empor! So frei und stolz und königlich still. Erstaunt sah er zuweilen aus, zuweilen lächelnd wie ein Verschwender, glänzend, als käme er aus dem Bade. Es ging ihm gut. Er blendete wie ein Spiegel aus Silber, in den die Sonne fällt. Alle Sterne waren am Platze, funkelten, er lächelte überlegen.

Die Lerche sang und trillerte in diesen weißen Nächten.

Die Sonne schüttete brennenden Wein auf die Erde, jeden Tag. Es regnete Sonne, in hellen dampfenden Bächen floß sie die vielen Wege und Pfade ins Tal hinab. Ein Dampf von Sonne lag über den Wäldern, ein roter Dampf, in dem lauter kleine Sonnen zitterten. Man mußte die Augen scharf machen und das Licht mit der Hand abblenden, wollte man durch diesen Sonnennebel hindurchspähen. Dann sah man tief unter den schlummernden Wäldern etwas Blitzendes, eine Schlange aus Quecksilber, das war der Fluß. Etwas blitzte, es zappelte, regte sich, das waren Leute, die auf den Feldern arbeiteten.

Es summte, brummte. „Horch!“ sagte Ingeborg. Ja, ich hörte es, es war als ob irgendwo in großer Entfernung eine Dreschmaschine surre. Das war der Sommer.

Der Frühling klingt, der Sommer surrt, der Herbst klagt und murmelt, der Winter schweigt.

Die Wälder schliefen, sie lächelten im heißen Schlafe, heitere Träume hatten sie, der Boden war heiß, als würde Brot auf ihm gebacken. Traten wir plötzlich auf eine Lichtung, so stand das Licht vor uns wie eine Mauer, wir prallten zurück. Die Luft zitterte und farbige Feuerchen tanzten über den Gräsern.

Die Erdbeeren wurden rot, das Korn golden und die Menschen braun. Der Schweiß stand auf ihren Stirnen, in den schweißigen Augen kochte die Sonne. Langsam stiegen die Bauern die Bergstraße herauf und sie blieben oft stehen und fuhren sich mit dem Ärmel über das Gesicht. Die Bergstraße war schneeweiß, mit hohem Staube bedeckt, und es ging sich auf ihr wie auf Samt. Die Spuren vieler nackter Sohlen hatten sich in ihr abgeprägt, ganz deutlich wie in Mehl.

Das Haus funkelte golden hinter den Kastanien hervor, in seinen Fenstern brannten helle Feuer. Die Wiese stand hoch und unaufhörlich wimmelte sie von Faltern in allen Farben. Ging man durch sie hindurch, so flatterten sie ringsum in die Höhe und es war als verfolgten sie einen. Prächtige Trauermäntel saßen häufig auf der heißen Treppe und sonnten sich.