„Daß er ein Dichter ist. In seinen Augen sah ich ein Licht, einen Glanz. Woran er wohl dachte? Seitdem sehe ich das Licht immer wieder. Ich glaube es ist das Bewußtsein der Unsterblichkeit, dieses Licht?“
Einige Tage später, da sagte sie: „Komme, Axel, komme. Es ist etwas ganz Merkwürdiges geschehen. — Höre, es ist sonderbar. Der Knecht, den sie den Mönch nennen, ging an uns vorüber. Bluthaupt betrachtete ihn so sonderbar. Ich lachte. Er trägt Sommer und Winter diesen dicken Mantel und diesen großen Hut, sagte ich. Das ist es nicht, antwortete er, dieser Mensch ist ein Verbrecher. Der Mönch! hörst du, Axel? Ja, er hat ein Verbrechen begangen, einen Mord, aber es ist schon lange Jahre her. Woher er das wisse? Er hat das Gesicht des Opfers in dem seinen, er hat zwei Gesichter, ich sehe es, er dachte immer daran. Woher weiß er nur, daß der Mönch ein Verbrechen beging?“
Ich lächelte. „Glaubst du es denn?“
Ingeborg sah mich verblüfft an. „Ja?“ sagte sie, kindlich verlegen. Und sie fuhr fort: „Hören Sie,“ fragte ich dann, „wenn Sie nun durch die Straße gehen und sehen viele Gesichter?“ Darauf sagte er, dann sehe ich viele Schuld, gewiß. Woher er das habe? Ich habe früher viel mein Gesicht studiert, sagte er, jedes Laster und jede Schuld prägte sich darinnen ab. Er wurde finster, während er dies sagte. Er ist unheimlich! Ich wollte noch mehr wissen. Wenn sie nun im Gesichte Ihres Bruders einen Mord läsen? fragte ich. So würde ich es ihm sagen und mich in acht nehmen. Wovor? Daß ich nicht auch einen Mord begehe. Ich fragte weiter. Wenn er aber Ihre Geliebte ermordet hätte? Was würden Sie tun?
„Ich würde ihn erschlagen, antwortete er, dabei lächelte er, aber ich erschrak über sein Lächeln, er log nicht.“
„Du forschest ihn aus?“
„Ja, ich forsche, Axel!“
Dann sah sie ihn mit der zierlichen kleinen Magd plaudern. Sie sah ihn mitten unter den Knechten stehen, er duzte sie alle. Sie schüttelte den Kopf.
„Er hat hundert Gesichter,“ sagte sie, „ich gebe es auf ihn zu erforschen.“
Seitdem nannte sie ihn den Mann mit den hundert Gesichtern.