Nun gehört dieser Park Anton Kreidmeier, einem Knechte.

Ich habe nichts vergessen, nein. Manches ist verschmolzen wie ein Schmuckstück, das man ins Feuer warf, aber vieles steht ganz klar vor mir, scharf, einzeln, für alle Zeiten ist es in meinem Kopfe. Ich bin reich, zuweilen schmerzt mich mein Reichtum, aber nur zuweilen.

Ich habe einen schmalen Riß in der Hand, er rührt von Ingeborgs Busennadel her, all die Jahre ist er nicht vergangen. Oft sehe ich diesen Riß an, ganz zärtlich betrachte ich ihn, ja, ich habe ihn schon gestreichelt. Ach, ich weiß, ich habe einem Manne auf einem Schiffe eine Geschichte über diesen Riß erzählt — er sah schlecht — er vermochte ihn kaum zu entdecken — einem mir gänzlich unbekannten Manne, eine rührende Geschichte von einem Hunde, der diesen Riß verursachte, nur um über diesen Riß sprechen zu können, da ich gerade an ihn denken mußte. So bin ich, muß ich an etwas denken, so komme ich nicht los davon, bis ich es hundertmal gedacht habe, ich muß fortgehen, hinauslaufen, immer wieder von vorne anfangen und an das bestimmte denken. Das ist mir geblieben, es ist recht gut zu vergleichen mit dem vernarbten Riß in der Hand.

Ich betrachte diesen Riß, ich fühle ein Paar Lippen darauf, die das Blut aufsaugen, ich sehe sie, diese gespitzten Lippen, diese bittenden lächelnden Augen, die mich von der Seite her anblicken, um Verzeihung bitten für etwas, was nicht der Rede wert ist, ich fühle ein paar Haare, die mein Handgelenk streifen. Ich spüre den Geruch dieser Haare. Worte höre ich. Ich höre das Wort mein. Diese Stimme die es sagt, ist weich und zärtlich, sie spricht noch ein kurzes I nach dem Ei, mei—in spricht sie. Ich könnte diesen kleinen Riß küssen und ihm danken, wäre er nicht auf meiner Hand. Ich tue es nicht. Wer hätte je gedacht, daß dieser unscheinbare Riß, das unscheinbarste Ereignis in einer Stunde, in der sonst noch viel geschah, mir so viel werden könnte, aus einer Zeit, da es viele Stunden gab, viele, viele Stunden, da ich die Stunden nicht zählte? Er ist mir nun alles, ja, ich muß sagen, jetzt in dieser Minute ist er mir alles, mein ganzes Besitztum, mein Liebling, mein Glück! Ich sehe ihn ja wiederum wochenlang nicht. Denke nicht an ihn, habe viele viele andere Dinge, die mich reich machen, in Entzücken versetzen, aber jetzt, ja jetzt ist er mir alles! —

Die Nachtigall hat uns verlassen, die Lerche brütet zum zweitenmal, die Kirschen sind rot. Viele Bäume sind schon geleert. Grüne Äpfel und Birnen, mit Flaum bedeckt, sieht man an den Bäumen. Die Erde fiebert. Sie ist Mutter, milliardenfach Mutter, hat viel zu tun und wird nicht müde, mit heißen Wangen schafft sie.

Die Sonne funkelt, der Himmel ist blau wie Stahl, stille weiße Wolken sind über ihn verstreut wie weiße Segel über ein Meer.

Was dachte ich? wie war ich?

Ich sehe mich herumgehen. Ich trug einen weißen Anzug, meine Hände und mein Gesicht waren braun von der Sonne. Ich ging mit weiter vorgereckter Brust. Ich ging leicht dahin, der Boden wippte unter meinen Füßen, ich war nie müde, ich hatte immer das Gefühl zu schweben. Leicht geriet ich ins Tanzen. Ich ging in meinem Zimmer auf und ab, da passierte es mir oft. Rotes Viereck, blaues Viereck, meine Füße kaprizierten sich auf das rote Viereck. Rotes Viereck rechts, rotes Viereck links, — da tanzte ich schon. Oft schlich ich, ich ging leise, ganz leise. Weshalb aber ging ich doch nur leise?

Ich ging tief hinein in den Wald, wo er dunkel wurde und seltsame glänzende Pilze wuchsen und schillernde Fliegen, dort fing ich an zu singen, ich sang so laut ich konnte, unsinniges Zeug sang ich. Oder ich sang Ingeborgs Namen, ich sang so laut ich konnte und lauschte auf den Widerhall. Ich ging durch den Wald, alle Blätter hätte ich küssen mögen, jedes einzeln, vorn und auf der Rückseite. Viele küßte ich auch. Denn es konnte sein, daß eine plötzliche Welle von Glück über mich stürzte, dann mußte ich wohl oder übel die Blätter küssen.

Ich ging um den See herum, der im Parke lag, ich erinnerte mich plötzlich eines Wortes, eines süßen Wortes, das zwei Lippen mir aufs Ohr küßten.