Mehr und mehr verlor Ellen ihre Scheu, und ihre Stimme strömte klar, rührend, voller Leidenschaft. Sie glühte vor Erregung.

„Vielleicht werden wir doch noch eine Sängerin aus dir machen, Ellen?“

„Papa sagte, meine Stimme sei zu klein“, erwiderte Ellen, errötend über das Lob.

„Nun, wir werden ja sehen.“ Schon war auch Schwedenklee vom Fieber ergriffen: oft sah er sie, Ellen, seine Ellen, auf der Bühne stehen, umbrandet vom Beifall.

22

Ellen verbarg nicht ihre Dankbarkeit für Schwedenklees Fürsorge und Anteilnahme an allem, was sie betraf. Sie hielt diese Fürsorge für völlig uneigennützig, der tiefen Freundschaft entspringend, die ihn mit ihren Eltern verbunden hatte. Natürlich verriet ihr ihr weiblicher Instinkt, daß er sie gern um sich sah. Wirkliches und aufrichtiges Vertrauen aber empfand sie erst seit den letzten Wochen, da er sich so lebhaft für ihre Pläne interessierte.

Er hatte ihr eine kleine Bibliothek, die sie für ihre Studien brauchte, besorgt.

Mit allem Eifer gab sie sich der Arbeit hin. Jeden Morgen verschwand sie nach dem Frühstück in den Wald, der an Schwedenklees Acker grenzte. Erst gegen Mittag kehrte sie zurück, die Wangen gerötet, Glanz und den Widerschein frohen Erlebens in den Augen.

Neugierig schlich ihr Schwedenklee eines Tages nach. Er hätte sie nie finden können, wenn nicht der Hund ihr Versteck verraten hätte. Auf einer Kuppe des Waldes war eine kleine, von Erlen umgebene Lichtung, so dicht abgeschlossen, daß es nahezu unmöglich war, die Lichtung zu finden.

Dies war Ellens Versteck. Er beobachtete, wie sie mit dem Buche in der Hand auf und ab ging. Sie sprach, deklamierte, ohne daß er die Worte verstanden hätte. Sie spielte! Sie kniete flüchtig nieder, hob die Arme, sie flüchtete, sie wehrte unsichtbare Feinde ab, erstarrte in Qualen, löste sich befreit – wieder klang ihre Stimme.