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Sterne, das Rauschen der Bäume, der laue Wind haucht, das Gras flüstert unter den Büschen, eine Eule schreit schwingend in der Finsternis. Die Dunkelheit berauscht, die Seele ist trunken von der Stille.

Unfaßbar war Schwedenklee diese wundervolle, weiche Dunkelheit, die in den Städten ausgestorben ist, vertrieben vom elektrisch glühenden Kohlenfaden. Jeden Abend überraschte sie ihn aufs neue. Unfaßbar die Stille. Unfaßbar die Sterne, die auf ihn herabstürzten, wenn er das Auge zum Firmament hob. Matter Glanz lag auf dem Meere, ein feiner roter Lichtfunke glitt irgendwo in die Weite.

Wie ein Verzauberter, sich selbst fremd, wanderte Schwedenklee in der Dunkelheit hin und her, sobald Ellen sich zurückgezogen hatte. Beglückt hörte er zuweilen ihre Stimme in die Stille dringen. Sie sprach mit dem Hunde, der in ihrem Zimmer schlief. Ellen schloß die Läden ihres Zimmers nicht, wenn sie sich entkleidete. Diese Reinheit rührte ihn, und er hütete sich wohl, ihrem Fenster zu nahe zu kommen. Nur aus der Ferne, durch die Büsche hindurch, wagte er zuweilen einen kurzen Blick: ihre Arme ordneten die Haare, sie schritt im Nachtgewand zur Kerze, spitzte den Mund und blies das Licht aus. Ihr schönes mädchenhaftes Profil blieb noch lange in der Dunkelheit haften, zuletzt verschwand der kindlich gespitzte Mund.

Schwedenklee setzte sich auf die Treppe des Hauses. Hingegeben, voller Andacht atmete er Stille und Dunkelheit ein. Zu denken, daß es Menschen gab, die in dieser Stunde in rauchigen Kaffeehäusern saßen und schmutzige Karten mischten! Zu denken, daß er vor Jahren gerade vor dieser Dunkelheit und Stille die Flucht ergriffen hatte! Unvorstellbar der Gedanke, daß er einmal wieder in diese Höllenstadt zurückkehren würde.

In der Tat, war sein Leben bisher nicht leer, sinnlos? Welche Freudlosigkeit, Nüchternheit, Betäubung, Unrast, Lärm, Flucht vor sich selbst.

Wunderbare Wendung, die sein Leben genommen hatte! Deutlich erkannte er die Hand eines wohlwollenden Schicksals.

Schwedenklee blickte in die Dunkelheit und überließ sich seinen Empfindungen. Schon fühlte er die Schwere nicht mehr, schon schien er zu schweben, schon schien er zu segeln auf den Fittichen der Nacht.

Mitten in einer lauten Nacht – die Zweige peitschten gegen das Fenster und der Vollmond flog rasend dahin – erwachte Schwedenklee plötzlich, von einem Gedanken gepeinigt. Dieser Gedanke quälte ihn so sehr, daß sein Herz schmerzte. Es war ein Gedanke, den er in all den Wochen verscheucht hatte, so oft er sich nahte.

Er erhob sich, in Schweiß gebadet, warf den seidenen Schlafrock über und ging in dem schattigen, von Lichtschwertern durchzuckten Zimmer hin und her, immer hin und her.