Schwedenklees Fröhlichkeit klang anfangs etwas gezwungen. Ein Schatten war über sein Gesicht gebreitet. Gewiß, alles war wunderbar, es war ein Abend, auf den er sich seit Wochen freute, ein Abend von ganz besonderer Bedeutung, ein Schicksalsabend, und nur um die Feierlichkeit dieser Stunde zu betonen, ohne jeden Nebengedanken, hatte er die zwei Dutzend Kerzen angezündet. Aber als Ellen eintrat, strahlend, den Widerschein der Kerzen in den klaren Augen, mußte er sich plötzlich an das Diner erinnern, das er seinerzeit in Paris Ellens Mutter gab, mit den Spiegeln, im Hotel Panthéon.
Unvollkommen ist das menschliche Gehirn eingerichtet, dachte er, voller Vorwurf gegen den Schöpfer, gänzlich unvollkommen. Die Erfindung eines Pedanten. Kaum zündet man ein paar Kerzen an, schon ist man gezwungen, an Dinge zu denken, die zwanzig Jahre zurückliegen – weshalb? Etwas steif und melancholisch sah sein Gesicht anfangs aus, etwas melancholisch und dunkel klang seine Stimme. Mit einem Faltengekräusel in der gebräunten Stirn saß er inmitten der vierundzwanzig Kerzen. Vielleicht ist es Vermessenheit? dachte er, und sein Herz wurde plötzlich düster. Vielleicht hat ein Mensch wie ich gar nicht mehr das Recht, die Hand auszustrecken nach ...! Ellen – die Liebliche – sie ahnte nichts, wie sollte sie?
In diesem Augenblick aber sprang Munki auf den Tisch und versuchte ein geröstetes Hähnchen mit der Kralle zu angeln. Ellen gelang es gerade noch in der letzten Sekunde, den Kater abzufangen. Sie warf ihn ein paarmal hoch in die Luft, um ihn dann an ihr Herz zu drücken und seinen wilden struppigen Kopf mit Küssen zu bedecken. Ihr Lachen klang so heiter und glücklich, daß Schwedenklee augenblicklich mit fortgerissen wurde. Der Kater hatte den Abend gerettet.
Schwedenklee erhob sich und füllte mit der großen Geste des erfahrenen Zechers die Kelche. Fort mit den törichten Gedanken, fort! Gehen wir dem Schicksal beherzt entgegen ...
„Auf deine Gesundheit, Ellen!“ rief er und ließ das Glas im Lichte der Kerzen funkeln.
„Sekt?“ sagte Ellen. „Ich habe noch nie Sekt getrunken, es ist das erstemal!“
„Versuch’ es nur! Es ist noch niemand daran gestorben.“
„Er kitzelt!“ rief Ellen und lachte.
In wunderbarer Laune verlief das Diner. Schwedenklee wurde gesprächig. Sie tranken auf Ellens Zukunft, ihren Ruhm, sie tranken auf ihre Freundschaft und auf die Herrlichkeit dieses Sommers. Der Sekt hatte Schwedenklees Gesicht gerötet, seine Augen glänzten, sein Gebiß leuchtete jung und stark. Er fühlte sich wieder als derselbe lebensfrohe Schwedenklee, der er in Paris war, seinerzeit. Zwanzig Jahre – was sollen sie bedeuten, es ist nur ein albernes Vorurteil ... Nein, damals gab es nichts Unmögliches für ihn – und heute?
Schwedenklee leerte den Kelch und warf ihn lachend gegen die Wand.