„Schwedenklee, das bin ich.“

Lachend, mit übertriebenem Erstaunen trat der Gast einen Schritt zurück. „Sie? Verzeihen Sie, man sagte mir: ein älterer Herr! Es ist mir eine Ehre, mich Ihnen zu Füßen zu legen: Richard Pohl – nicht zu verwechseln mit dem berühmten Nord- oder Südpol gleichen Namens – Mitglied der Vereinigten Sommertheater in Hamburg.“ Kräftig und zutraulich schüttelte er Schwedenklees Hand. „Also Sie sind es, dessen Güte die Himmel rühmen? Es ist mir eine hohe Freude!“

„Seit einigen Tagen bin ich hinter Ihnen her“, fuhr Pohl gesprächig und lebhaft fort. „Sie sehen eine Art Odysseus vor sich! Ja, in der Tat, es ist nicht leicht, Sie zu finden, Ehrwürdiger, und selbst hier im Ort hatte ich noch Mühe. Aber nicht Sie suche ich eigentlich, obschon es sich der Mühe lohnte, sondern eine Dame: Ellen Blank!“

Aus der weitschweifigen Erzählung erfuhr Schwedenklee, daß Pohl mit der Familie Blank schon seit der Dresdener Zeit bekannt war. Er war der Sohn eines Musikers der Dresdener Oper, und Blank war sein erster Lehrer gewesen. Zufällig hatte er in einer Fachzeitung von Blanks Tod gelesen. Er schrieb einen Brief an Ellen nach Berlin, bekam ihn aber als unbestellbar zurück, mit einem zweiten Brief erging es ihm ebenso. Sobald seine Tätigkeit es ihm erlaubte, fuhr er nach Berlin, um Ellens Spur aufzufinden, was ihm erst nach vieler Mühe gelang, nachdem er die Hilfe der Polizei in Anspruch genommen hatte. Ja, und nun also war er endlich hier, und er strahlte vor Freude und Genugtuung, sein Ziel erreicht zu haben.

Schwedenklee hörte ihm mit zerstreuter Miene zu. Ganz offen gestanden, zu keiner Zeit hätte ihm der Besuch ungelegener kommen können als gerade heute, an einem solch ungeheuer bedeutsamen Tage.

„Welcher Teufel führt ihn gerade heute hierher!“ dachte er, während Pohl seiner Bewunderung über die herrliche Aussicht beredten Ausdruck verlieh. Diese Aussicht riß ihn derart hin, daß er Miene machte zu singen. „Gerade heute, da ich auf Ellens Bescheid warte und nicht weiß, was ich vor Ungeduld tun soll!“ Die überschäumende Fröhlichkeit und heitere Natürlichkeit des Sängers – trotz seiner etwas erkünstelten Redeweise – söhnten ihn indessen rasch wieder aus. „Nun gut, er wird über Mittag bleiben, und am Abend sind wir ihn wieder los!“

„Einen kleinen Imbiß werden Sie wohl nicht abschlagen?“ Immer wenn Schwedenklee in Verlegenheit war, bot er seinen Gästen zu essen oder zu trinken an.

Pohl aß mit vorzüglichem Appetit. Er hatte seit Tagen, während seiner Irrfahrt, nur sehr wenig zu sich genommen. Mit Genuß schlürfte er eine kleine Flasche Bordeaux.

Ellen war noch immer nicht zurückgekehrt.

Pohl wollte sie im Walde suchen, aber Schwedenklee machte ihm klar, daß der Wald tief und labyrinthisch sei und Ellen ihre geheimen Schleichpfade habe.