„Ich bitte um Verzeihung! Ich persönlich würde es ja nie gewagt haben.“
Die Hand Blanks fuhr in die Rocktasche, er zog einen hellen Briefumschlag heraus.
„Hier“, sagte er, sehr leise. „Ich bitte.“ Und er streckte Schwedenklee mit flatternder Hand den Briefumschlag hin. „Die Tote hat mich beauftragt.“
Schon streckte Schwedenklee die Hand aus, aber er zog sie sofort wieder erschrocken zurück. Eine tödliche Kälte strömte ihm von diesem Briefumschlag entgegen. Und Schwedenklee sammelte sich zu einem letzten Widerstand. Jene gewisse Brutalität, die, meist schlummernd, einen Teil seines Wesens bildete, erwachte plötzlich und formte seine Gedanken zu einer letzten Abwehr.
„Mein Herr! Sie besaßen die Kühnheit, mir eine Anzahl von Briefen zu schreiben, obgleich Sie mir völlig unbekannt sind. Sie verfolgen mich und sind unverfroren genug, mich vor meinem Hause zu überfallen! Ihre Unverschämtheit überschreitet alle Grenzen. Lassen Sie mich gefälligst in Ruhe mit Ihrem Brief, lassen Sie mich überhaupt zufrieden. Scheren Sie sich zum Teufel!“
Das also war es, was Schwedenklee dieser zitternden, hageren Gestalt, die demütig vor ihm stand, entgegenschrie, in äußerster Empörung. Aber was geschah? Blank wagte es, die Treppe emporzusteigen – und Schwedenklee selbst war es, der ihm höflich das Tor öffnete – Blank verbeugte sich mit großer Förmlichkeit und trat ein.
Schwedenklee hatte diese Ansprache ja nur in Gedanken gehalten. In Wirklichkeit aber hatte er höflich, ergeben in sein Schicksal, wie sein wahres Wesen es ihm befahl, Blank gebeten einzutreten.
So geschah es, daß der unheimliche Gast, die „Erscheinung“, wie Schwedenklee in seiner ersten Verwirrung gedacht hatte, zur großen Verwunderung Schwedenklees sich ins Haus tastete.
„Nun wohl,“ dachte Schwedenklee, als er das Licht in der Diele andrehte, halb benommen im Kopf, „es muß wohl so sein. Irgend etwas Merkwürdiges, Unabwendbares ist hier im Spiel. Im übrigen vergessen wir nicht, daß dieser arme Teufel Ellens Gatte ist. Nun, wir werden ja sehen, komme, was kommen soll ...“
Ein fadendünner Überzieher mit einem abgeschabten lächerlich schmalen Pelzkragen und zu kurzen Ärmeln, ein schmales, fast schönes, wachsfahles Gesicht, von hundert kleinen Fältchen zerknittert wie Papier, mit einer hohen, mächtigen Stirn, die graue Haarsträhnen umflatterten, mit bläulichen Lippen und fiebrisch glänzenden, dunkeln, aber gutartigen, ja gütigen Augen – so sah die Erscheinung aus, als Schwedenklee sie bei Licht besah. Ein ins Elend geratener, vergrämter Künstler mit der Miene fatalistischer Hoffnungslosigkeit – sein erster, obwohl flüchtiger und unbewußter Eindruck war völlig richtig gewesen. Vielmehr noch: ein körperlich und seelisch vollkommen Erschöpfter, der in dem überheizten Zimmer von heftigen Hustenanfällen geschüttelt wurde, während er mit heiserer, bescheidener Stimme Entschuldigungen stammelte.