„Ellen Fröhlich!“ sagte er vor sich hin.
„Sie hatte zwei Namen“, warf Blank mit verletzter, fremder Stimme ein. „Da Sie sie Ellen genannt hatten, wählte ich ihren anderen Namen. Ellen für Sie, Rosa für mich!“
Schwedenklee blickte ihn verständnislos an.
9
Als Schwedenklee am nächsten Morgen, etwas müde und abgespannt, in seinem breiten Himmelbett erwachte, fiel ihm augenblicklich ein, daß er Blank für heute zum Abendessen eingeladen hatte.
Was für ein Dummkopf bin ich doch, dachte er, unzufrieden mit sich selbst, immer diese alte Gutmütigkeit. Ich bin wütend über einen Menschen und doch kann ich es mir nicht versagen, den Liebenswürdigen zu spielen. Aber sofort erinnerte er sich auch, daß es ganz unmöglich war, Blank, der Begriffe wie Zeit und Nachtruhe nicht zu kennen schien, auf andere Weise zu verabschieden. Er hatte sich auch in der verflossenen Nacht hin und her überlegt, wie er Blank seine Hilfe anbieten könnte, aber keine Möglichkeit gefunden. Da war ihm der Einfall der Einladung gekommen.
Lieber Himmel, dachte er plötzlich erschreckend und setzte sich auf, wie mag dieser arme kranke Mensch in der Nacht nach Hause gekommen sein? Nach dem Osten. Ob er wohl, wie er ihm riet, eine Droschke genommen hatte? Aber vielleicht hatte er gar nicht das Geld dazu? Ich selbst hätte ihm eine Droschke holen und den Kutscher bezahlen sollen – aber dieser Einfall kam reichlich spät.
Etwas Gutes hatte die gestrige Begegnung auf jeden Fall. Schwedenklee fühlte sich erleichtert! Das „im Hintergrund lauernde Schicksal“, wie er sich ausdrückte, hatte sich entschleiert. Obgleich Schwedenklee eigentlich nicht an Gott, an ein zweites Leben, an Auferstehung, Seelenwanderung und derartige Dinge glaubte, glaubte er doch an mystische Einflüsse, an ein Fatum, das unheilvoll in das Leben eines Menschen eingreifen konnte. In den zwei letzten Jahren hatte er sich unsicher gefühlt. Es war ihm, als wäre er von heimtückischen Gefahren umlauert. Einer seiner Bekannten starb plötzlich am Herzschlag, und schon dachte er: wer weiß es, ob du morgen erwachen wirst? Zuweilen sah er sich alt und krank als Bettler auf der Straße stehen und der Wind blies eisig. Oder ein unheilbares Leiden befiel ihn, zum Beispiel Krebs. Ganz deutlich spürte er die fortwährende Drohung feindseliger Mächte, und nur so – nicht anders – läßt es sich erklären, daß die Briefe Blanks auf ihn einen solch ungeheuren Eindruck machten. Nun also kam es, heimtückisch schlich es näher, um ihn zu umstricken und zu vernichten! Deutlich witterte er die Vorboten eines bösen Schicksals, das seine Demütigung und Vernichtung beschlossen hatte.
An diesem Morgen atmete er seit vielen Wochen befreit auf, seine düsteren Grübeleien erschienen ihm unsinnig und albern. Seine Hilfsbereitschaft für Blank entsprang ebenfalls, ohne daß er sich dessen bewußt wurde, diesem Gefühl der Erleichterung und einer gewissen Dankbarkeit gegen das Schicksal, das sich ihm nicht ungnädig gezeigt hatte.
Werde ich ihm denn abgelegte Kleider geben können? dachte er. Vielleicht aber wird es ihn verletzen? Also Geld. Aber wieviel und in welcher Form?