Man könnte ihm auch einen Korb mit Früchten und guten Sachen schicken, eine Flasche Kognak dazu. Das war ein ausgezeichneter Einfall, und Schwedenklee beschloß, noch heute den Korb zurecht machen zu lassen.
Den ganzen Vormittag war Schwedenklee mit dem gestrigen Abenteuer beschäftigt. Blank hatte ihm, mit einer gewissen Schwatzhaftigkeit, im Laufe der Nacht sein Herz ausgeschüttet, er hatte ihm jede Einzelheit seines Lebens erzählt – und all das nur aus dem Grunde, weil er einige Wochen lang eine Liebschaft mit seiner Frau gehabt hatte! Notabene: noch bevor sie überhaupt seine Frau war ...
Schwedenklee konnte der Versuchung nicht widerstehen. Er ging an den Schreibtisch und nahm – seine Hand zitterte etwas – das verblichene Bild aus dem Schubfach.
Bei Tageslicht war das Gesicht unter der Lupe etwas deutlicher zu erkennen. Lange, mit einer Art furchtsamer Neugierde, betrachtete er das Bild, und sonderbarerweise begann sein Herz stark zu klopfen, als wäre es frevelhaft, dieser Toten ins Gesicht zu sehen.
Je länger er das verblaßte Bild betrachtete, desto klarer formte es sich in seiner Phantasie, und plötzlich stand es, wie durch ein Wunder, lebendig vor ihm.
Ellen hatte Grübchen in den Wangen gehabt, auf der einen Wange war das Grübchen um ein geringes tiefer als auf der andern – das fiel ihm jetzt ein, obschon die Grübchen auf dem verblaßten Bild nur dann zu erkennen waren, wenn man wußte, daß sie existierten. Er erinnerte sich an ihre schönen weißen Zähne, die sich beim Lachen ganz entblößten, als lachten sie mit – und wie scharf waren diese Zähne gewesen! Er erinnerte sich an die Glätte ihrer Haut, die er nie wieder gefunden hatte bei einer Frau, an die Ebenmäßigkeit ihres zarten Körpers, die weiche Biegsamkeit ihrer schlanken Taille. Klar sah er in diesem Augenblick die Modellierung ihrer sanften Schultern vor sich.
Zartheit, Behutsamkeit, Stille und unendliche Sanftheit ging von dieser Frau aus. Ihr Schritt war still, die Berührung ihrer Hand leise. Schmiegte sie sich an ihn, so war es kaum zu fühlen, und doch war die Berührung unsagbar innig.
Ja, jetzt in dieser Sekunde fühlte er deutlich ihre zärtliche Liebkosung.
Sein Herz wurde schwer und er legte das Bild zurück. „Ein rührendes Wesen, in der Tat“, sagte er. „Vorbei – tot! Ja, das Leben ist eine höllische Einrichtung!“
Traurig das Schicksal dieser Frau, die das Leben so heiß geliebt hatte. Von Paris war sie in ein Sommerengagement nach Nürnberg gegangen. Daran erinnerte er sich noch deutlich. Sie hatten noch einige kurze Briefe gewechselt, bis die Korrespondenz plötzlich ohne jeden sichtbaren Grund einschlief. In Nürnberg hatte sie Blank kennengelernt, der sie – wie er selbst gesagt hatte – liebte, bevor er sie sah.