„Ja! Es war nicht so einfach, wie es heute aussieht ...“
„Nicht so einfach?“
„Nein, ganz im Gegenteil – es war sehr schwer!“
„Reden wir nicht mehr davon“, brummte Schwedenklee.
Nichts mehr von der Peinlichkeit des gestrigen Abends. Man plauderte wie alte Bekannte. Blank, dessen krankhafte Erregung gestern Schwedenklee folterte, war heute viel ruhiger und beherrschter. Er zeigte sich als ein Mann von den besten gesellschaftlichen Formen, wenn er auch seine weltmännischen Allüren etwas zu stark betonte. Schwedenklee liebte es nicht, bei Tisch viel zu reden, er antwortete nur träge und zerstreut. Blank dagegen sprach mit großer Lebhaftigkeit, die Rede, begleitet von lebhaften Gesten, schien ihm eine wahre Wohltat zu sein. Seine Wangen färbten sich, seine Augen sprühten. Er fühlte sich wohl, er fühlte sich fast wie zu Hause, nach dem zweiten Glas nannte er Schwedenklee, der zuweilen seine Sicherheit verlor, sogar manchmal „lieber Freund“. Ja, dann und wann hatte Schwedenklee den Eindruck, als spielte Blank den Überlegenen.
Augusta hatte sich in der Tat alle Mühe gegeben und ein vorzügliches Menü zusammengestellt. Sie servierte aber schmollend. Sobald sie Blank erblickt hatte – sie starrte förmlich auf die ausgefransten Manschetten – hatte sie nur verächtliche Bewegungen. Jede Geste von ihr sagte: und wegen dieses Bettlers lassen Sie mich den ganzen Tag herumrennen?
„Eine Flasche Selters, Augusta“, sagte Schwedenklee mit einer gewissen rügenden Schärfe, und Augusta zog brummend ab.
Trotz des vorzüglichen Menüs und des herrlichen Weins fühlte sich Schwedenklee nicht recht behaglich, ja vorübergehend war er sogar den Anwandlungen einer schlechten Laune unterworfen. Die Lebhaftigkeit Blanks störte ihn. Er hätte Blank gerne – so albern es ihm selbst vorkam – bescheidener und demütiger gesehen. Nein, von den ausgefransten Manschetten wollte er natürlich nicht sprechen, aber daß Blank, den er gestern von der Straße aufgelesen hatte, den er aus purer Gutmütigkeit zum Essen eingeladen hatte, ihn „lieber Freund“ nannte – war das ganz in Ordnung? Mit einem gewissen Neid prüfte er zuweilen mit verstohlenen Blicken Blanks Erscheinung. Ohne Zweifel mußte er vor Jahren von großer, ja seltener Schönheit gewesen sein. Noch jetzt wirkte sein großgeformter Musikerkopf imposant. In dem bleichen, zerknitterten Gesicht glühte ein Paar wundervoller Augen. Was für Augen habe ich dagegen? dachte Schwedenklee. Diese dunkeln Augen schienen das einzig Lebendige – Überlebende – in dem wachsfahlen Gesicht zu sein. Sie waren Feuer, Gedanke, Seele, Jugend, sie waren dreißigjährig, das Gesicht fünfzig-, hundertjährig, wenn man will.
So oft Schwedenklee von einer dieser Anwandlungen schlechter Laune ergriffen wurde, verbarg er sie hinter ausgesuchtester Höflichkeit: „Bitte zuzugreifen – bitte sich zu bedienen!“
„Ich sehe, ich ermüde Sie mit meinem Redestrom“, rief Blank aus. „Ich muß auch in dieser Hinsicht um Ihre Nachsicht bitten. Seit Jahren habe ich fast nie mehr mit einem gebildeten Menschen gesprochen. Sie ahnen nicht, welcher Genuß für mich Ihre Gesellschaft ist. Bedenken Sie, diese Menschen, mit denen ich noch zusammenkomme – oh, mein Gott, welches Niveau! Sie, mein verehrter Freund, der es wagte, einen Bettler ins Haus zu laden ...“