„Ich hatte früher eine Verachtung für den Film, müssen Sie wissen. Er erschien mir wie eine Profanierung der Kunst. Ich war immer Idealist, das heißt ein Dummkopf – werde es bleiben bis an mein Lebensende, kann nicht anders. Ich lehnte früher, da ich noch auf hohem Rosse saß, jedes Engagement ab. Später aber gab sich es bescheidener und war zufrieden, in der Komparserie zu filmen, bis ein Regisseur schrie: Bedauere, Sie verhusten mir ja jede Aufnahme. Ja, so sagte er: Sie verhusten ... hahaha!“

So laut war Blank, so froh erregt, daß Schwedenklee der Überzeugung war, er sei etwas angeheitert.

„Zwei Filme also,“ fuhr Blank lebhaft fort, „Sie sehen, das Unfaßbare war geschehen. Ein Wunder hat sich ereignet! Das Schicksal hatte mich völlig vergessen, plötzlich aber ließ es sein Auge wieder in Gnaden auf mir ruhen. Ich filme bereits eine ganze Woche, heute, am ersten freien Tag, eilte ich zu Ihnen, um Ihnen die große Neuigkeit zu verkünden. – Im ersten Film, der zur Zeit gedreht wird, spiele ich die Rolle eines Günstlings der großen Katharina, der an schleichendem Gift, das ihm sein Rivale, ein französischer Abbé, eingab, dahinsiecht. ‚Die Rolle ist Ihnen wie auf den Leib geschrieben, Blank‘, sagte der Regisseur. Sie sehen! Ja, eine herrliche Sache: ich sieche dahin, drei Akte hindurch. Meine erlauchte Geliebte läßt mich fallen im Augenblick, da ich den Stempel des Todes auf der Stirn trage. Aber ich räche mich ...“

Blank nahm eine Schachtel aus der Tasche und bot Schwedenklee eine Zigarette an. „Ich habe nicht vergessen, daß Sie ein leidenschaftlicher Raucher sind, hoffentlich schmeckt Ihnen die Marke. He, Kutscher, lieber Freund, halten Sie einen Augenblick!“ Und Blank bot mit fliegender Hand Feuer. „Und nun, lassen Sie das Pferdchen wieder laufen!“

Wohlig stieß Blank die Rauchwolken in die durchsonnte Luft, indem er fortfuhr:

„Weitaus amüsanter ist der andere Film, den wir in acht Tagen drehen werden. Er wird Sie erheitern, mein verehrter Freund. Ich bin also ein heruntergekommener Graf und sitze an der Straße als Bettler! Eine Dame, die mich in meinem früheren Leben kannte, eine Tänzerin, reicht mir – sie ist eben im Begriff, in ihr Auto einzusteigen – ein Goldstück. Aber siehe da, schon erkennt sie mich. Sie nimmt mich in ihren Wagen. Die Menge der Neugierigen, die sich ansammelte, spendet ihrem mitleidigen Herzen Beifall. Ich werde gefüttert, gepflegt – und schon bin ich wieder ein Graf, ein hochfeudaler, etwas hinfälliger Greis. Die Tänzerin unterbreitet mir einen Ehekontrakt. Sie will meinen Adel heiraten, und ich soll nach der Trauung, laut Kontrakt, verschwinden für immer. Aber was glauben Sie? Ich tue es nicht, ich bin nun wieder an das gute Leben gewöhnt, drohe, verteidige meine Ehre, werfe die Liebhaber die Treppe hinunter, sperre meine schöne Gattin in die Bügelkammer. Hahaha! Ist es nicht lustig? Ja, auch Sie müssen lachen. Ich sehe sogar, daß Sie gespannt sind, wie es endet, aber Sie schämen sich zu fragen. Habe ich recht?“

„Ja, Sie haben recht.“

„Nun, so sollen Sie hören. Meine Gemahlin ist schlauer als ich. Sie lädt eine Nichte ein, ein süßes Geschöpf – ich bin töricht genug, mich zu verlieben, werde bei einem zärtlichen Tete-a-tete ertappt – Scheidung! Meine Aktien stehen schlecht, ich bin genötigt, mich zu verabschieden, stecke die Abfindungssumme ein, und in der Schlußszene sehen Sie mich als alten Gecken flanieren. Ich mache Bekanntschaft, Sekt, meine Dame stiehlt mir die Abfindungssumme und die Kellner werfen mich auf die Straße – hahaha!“

„Aber Kutscher,“ unterbrach Blank plötzlich seinen Redeschwall und berührte, erschrocken aufspringend, die Schulter des Kutschers, „ist es denn nötig, daß Sie uns mitten in den See hineinfahren?“ Augenblicklich aber sah Blank seine Täuschung ein. „Verzeihung – ja, es war eine Sinnestäuschung. Ich sehe ja, es ist der Himmel, der sich im Asphalt spiegelt, es war nur eine vorübergehende – wie soll ich sagen –?“

„Ich glaube,“ fuhr Blank nach einer Pause mit der gleichen Lebhaftigkeit fort, „mein Glück hat mich schwindlig gemacht! Ich fiebere in diesen Tagen sehr stark, aber ich fiebere, weil ich wieder hoffe. Ich empfinde dieses Fieber geradezu angenehm! Ja, merkwürdig und geheimnisvoll ist dieses Leben! Ist es nicht sonderbar, daß schon früher einmal Sie, ja gerade Sie, verehrter Freund, Sie und kein anderer es waren, der in einem Augenblick der größten Verlegenheit entscheidend in mein Leben eingriff? Soll man da nicht an Mysterien, an wunderbare, geheime Zusammenhänge glauben?“