Schwedenklee war äußerst erstaunt. „Ich sollte schon früher einmal –?“
„Ja!“ Blank rückte vertraulich näher und lachte. „Ja! Ein Geständnis. Ich habe Ihnen erzählt, daß ich Rosa in Nürnberg kennenlernte. Mein Engagement in dieser Stadt war geradezu kläglich, und ich war ziemlich abgerissen. Nun schrieb mir ein Kollege aus Köln, daß dort eine Vakanz sei. Köln! Aber wie nach Köln kommen, ohne Geld, in diesem Aufzuge – zum Verzweifeln. Ich sprach mit Rosa, und Rosa sagte, ich werde an Schwedenklee schreiben.“
„Ja. Sie flunkerte ein bißchen, daß sie notwendige Garderobe brauche. Und Sie sandten postwendend tausend Franken.
Tausend Franken! Reise, Anzug, Hotel, oh, wie wichtig ist das – Sie ahnen es nicht, da Sie das Theater nicht kennen. Alles war plötzlich ermöglicht! Übrigens haben wir Ihnen die tausend Franken nach zwei Monaten zurückgeschickt“, sagte Blank voller Genugtuung.
„Ja – was für merkwürdige Zusammenhänge! Und nun wieder! Fühlen Sie, wie wunderbar die Luft ist!“ schwärmte Blank, während sie in den Grunewald hineinrollten. „Und die Sonne wärmt schon ordentlich! Sie ahnen nicht, wie glücklich ich bin ...“
Blank lehnte sich behaglich in den Wagen zurück. Er nahm den Hut ab und ließ die heiße Stirn im Luftzuge kühlen.
12
Fräulein Nelly Wiedehopf – die Dame mit den turmartig aufgebauten Haaren und den glänzend polierten Fingernägeln – hatte ihre Eigenheiten. Es ging nicht alles so, wie Schwedenklee gedacht hatte. Einmal erschien sie höchst erregt – ihr Polarfuchs war gestohlen worden oder sie hatte ihn verloren. Jedenfalls, der Polarfuchs war verschwunden. Sie redete tagelang von dem Polarfuchs, war in schlechtester Laune, so daß sich Schwedenklee endlich entschloß, ihr einen neuen Polarfuchs zu kaufen. Kaum aber hatte er den Pelz gekauft, da fand sich der alte Polarfuchs wieder! Und nun ließ sie den alten Polarfuchs in einen Muff umarbeiten, mit Seidenfutter und einer eleganten Innenausstattung für Spiegel und sonstige Kleinigkeiten – vergebens wies Schwedenklee darauf hin, daß der Sommer vor der Türe stand.
Kürzlich aber passierte folgende, immerhin etwas peinliche Sache: Nelly erschien mit rotgeweinten Augen. Ihre Tante in Lübeck war gestorben. Sie brauchte ein Trauerkostüm, Reisegeld und, da die Tante sehr arm war, noch einen Zuschuß zu den Beerdigungskosten. „Ich kann die Schwester meiner Mutter unmöglich wie eine Armenhäuslerin begraben lassen auf städtische Unkosten!“ Nelly war völlig aufgelöst. Schwedenklee griff in die Brieftasche. Besonders der Zuschuß zu den Beerdigungskosten schmerzte ihn. Ging es nicht etwas sehr weit, daß er sogar die Bestattungskosten einer Tante tragen sollte, von deren Existenz er erst in dem Augenblick etwas erfuhr, da sie starb?