Schwedenklee hatte trotz der geheuchelten Heiterkeit immer noch einen verwirrten Gesichtsausdruck. Sein Blick war flackernd, nicht unbekümmert und etwas keck wie gewöhnlich. Nun errötete er sogar. Er tat, als schäme er sich, ein mit solch triumphierendem Lächeln angesagtes Solo verloren zu haben.
Die Erregung verflog. Die Kiebitze, die aufgesprungen waren, saßen wieder ruhig auf ihren Stühlen, der Wollust hingegeben, die Chancen des Spielers besser zu kennen als die einzelnen Spieler, die große Überraschung, die jede Sekunde offenbar werden mußte, schon lange vorher genießend. Hinter Schwedenklees breitem Rücken verschanzt saßen drei Kiebitze dicht nebeneinandergedrängt. Schwedenklees Spiel interessierte heute abend am meisten. Er erhielt eine große Karte nach der andern, er spielte nunmehr konzentriert, führte jedes Spiel in großem Stil durch und gewann. Er wurde rot, sooft er die Karte aufnahm: so wie heute hatte ihn das Glück noch nie umschmeichelt. Den Kiebitzen aber fiel es auf, daß er gepreßt atmete, sooft er ein großes Spiel gewonnen hatte.
Plötzlich aber – mitten in der Glücksserie! – zog er die Uhr und erhob sich ohne alle Umstände, zum Erstaunen der Spieler, zur Enttäuschung der erregten Kiebitze. Er entschuldigte sich hastig mit dringlichen Arbeiten. Sofort sprang ein anderer Spieler, der schon eine Stunde lauerte, für ihn ein. Der Pikkolo lief mit seinem Überzieher herbei.
Begleitet von einem der Kiebitze, dem bekannten Nervenarzt Wittmann, einer Kapazität, durchschritt Schwedenklee, in Gedanken versunken, das Billardzimmer. Und er erbleichte tatsächlich an diesem Abend zum zweitenmal! Es war heute wirklich alles wie verhext, es gibt solche Tage. Auf dem Mittagsspaziergang hatte er jene ganz in sich zusammengekrümmte Bettlerin auf der Potsdamer Brücke getroffen, die wie eine Verkünderin von Unheil an jenen Tagen auftauchte, da irgend etwas Unangenehmes sich ereignen würde. Nun dieses Gesicht! Es saß gegenüber der Tür des Spielzimmers im Billardsaal an einem kleinen Marmortischchen. Das Gesicht eines zermürbten, alternden, grauhaarigen Künstlers, eines völlig Hoffnungslosen, eines Bittstellers, fahl, mit dunkeln, fiebernden Augen, und diese Augen streiften seinen Blick scheu und tastend. Vielleicht hatte dieser Hoffnungslose, Hungrige voller Neid beobachtet, wie Schwedenklee seinen Kartengewinn in die Tasche steckte? Jedenfalls gehörte dieses Antlitz voller Gram und Elend zur Klasse jener Gesichter, die Schwedenklee fürchtete, denen er aus dem Wege ging. Sie verdarben ihm die gute Laune und riefen in ihm augenblicklich die tausend Unannehmlichkeiten wach, große und kleine, die ihm das Leben getrübt hatten.
„Sie sind nervös, Schwedenklee“, sagte der berühmte Nervenarzt, die Kapazität, mit einem mahnenden Blick hinter dem schiefsitzenden Kneifer. „Sie sollten etwas für Ihre Nerven tun. Die ganzen Tage fiel mir schon Ihr Wesen auf. Ich möchte fast vermuten, daß irgend etwas Außergewöhnliches – ich will nicht aufdringlich erscheinen ...“
Schwedenklee schlug den Pelzkragen hoch, um sein Frösteln – dieser Nervenarzt! – zu verbergen. Dann reckte er sich ein wenig und lachte laut heraus, während er stehen blieb. „Was soll ich haben?“ rief er etwas zu laut. „Bedenken Sie, schon morgens um sieben Uhr kommt ein falscher telephonischer Anruf. Ich hatte nachts gearbeitet und nur wenige Stunden geschlafen. Dann kommen allein am Vormittag drei unangenehme Besuche. Es ist ein Wahnsinn, in dieser Stadt zu leben!“
„Ja, dieses Berlin ist eine Hölle!“
„Eine völlig sinnlose Hölle – eine Hölle ohne jeden Scharm. Bedenken Sie dagegen, zum Beispiel, Paris, eine Hölle mit Reizen ...“
„Mit fürchterlichen Reizen, Schwedenklee! Vielleicht ist Swedenborgs Ansicht berechtigt, daß diese Erde überhaupt nichts anderes ist als eine Art Fegefeuer, eine Vorhölle ...?“