Im Englischen Garten war es schön wie im Paradies. Alles blühte, was noch nicht ausgeblüht hatte, die Wipfel waren von strotzender Fülle, die Wiesen standen am höchsten, bunt wie ein Teppich, übersät von einem Heere Falter und Bienen. Die Hitze tanzte über den Wegen, die hellen Kleider der Frauen und Kinder leuchteten weithin, in der Vorstellung Jauchzen und helle Lieder erweckend.

Bianka und Ginstermann gingen meist vereinsamte Wege. Sie mochten die vielen Leute nicht, die herumtollenden Kinder. Im Schatten der Büsche schritten sie, umsurrt von tausend Insekten, das Schwatzen des Tages in der Ferne. Waren sie müde, so suchten sie eine abgelegene Bank auf, die Ginstermann „Zum schlafenden Brahmanen“ getauft hatte.

Nachdem sie sich ausgesprochen hatten über das, was sie Probleme, Fragen, letzte Dinge nannten, drehten sich ihre Gespräche zumeist um ihre persönlichen Erlebnisse und Wünsche.

Je mehr Ginstermann Bianka kennen lernte, um so mehr bewunderte er sie. Sie war so rein, so keusch, wie ein Weib nur sein kann, das Erziehung und Selbstüberwachung vor unreinen Dingen bewahrte. Ihre krankhafte Scheu vermied es, die Motive der menschlichen Handlungen bis an die Wurzeln zu verfolgen.

Alles verklärte sich in ihren Augen, sie trug noch ein Ideal vom Menschen in sich. Die Menschen waren für sie gefallene Engel, die man bemitleiden müsse, nicht Tiere, die sich zum Menschen emporgerungen. Sie hatte noch wenig erlebt, wünschte auch nicht, viel zu erleben, in der Furcht, ihre Unberührtheit und Selbständigkeit zu gefährden. Sie gehörte nicht zur Klasse der Frauen, die mit ihren Eroberungen großtut, sie schien es sogar unangenehm zu empfinden, wenn einer sie tiefer, als die Höflichkeit es erheischt, grüßte, wenn einer sich nach ihr umwendete oder ihr folgte.

Ihr Urteil war schüchtern, anspruchslos, ihre Verwirrung oft kindlich. Sie maßte sich nicht an, wie es Frauenart ist, mit einer Handbewegung das Resultat einer Kulturarbeit abzuurteilen, mit einem Lächeln zu verspotten.

Ginstermann fühlte sich in ihrer Nähe ruhig, gleichsam geborgen. Er vergaß die Kämpfe der letzten Tage, die Jahre, die hinter ihm lagen. Seiner geistigen Überlegenheit war er sich wohl bewußt, ebenso aber auch seiner seelischen Verstümmelung und Zerrissenheit im Gegensatze zu ihrer Harmonie und zielbewußten Energie.

Bianka schenkte ihm Vertrauen, behandelte ihn mit zurückhaltender Herzlichkeit, wie einen Freund, nahezu wie einen Freund. Ihr Benehmen tat ihm wohl. Es gab ihm seinen Glauben zurück, der da und dort wankend geworden war, ein neuer Stolz kam über ihn. Etwas von ihrem Wesen strömte in ihn über, glühte die Schlacke in ihm aus, er wurde rein, indem er Biankas Freundschaft genoß.

Seine Anschauungen festeten sich, nachdem er den Maßstab reguliert hatte, der sich während seiner Einsiedlerzeit verzerrte. Es war wunderbar, zuweilen hatte er Augenblicke, die ihm alle Dinge in momentaner Bewegungslosigkeit zeigten, bis ins Innerste und Geheimste erkennbar. Und es hatte nur dieses kleinen Anstoßes bedurft. Gleichsam wie ein Gefäß eisigen Wassers, das schon die Kristalle birgt, ein unmerkliches Rütteln zur Erstarrung bringt.

Ihr Benehmen war Tag für Tag das gleiche. Sie empfing ihn freundlich, entließ ihn mit einem freundlichen Wort, führte kleine Wortkriege mit ihm in ganz objektivem Tone, lachte und scherzte. Nie, daß sie ihn durch eine Bemerkung, eine Miene von sich gedrängt hätte, nie, daß eine Laune, ein Verletzttun in ihm die Ahnung hätte aufkeimen lassen, daß er Macht über sie besitze.