Er bewegte sich in stets gleichem Abstande um sie. Es war, als habe sie einen Kreis um sich gezogen, den sie im Verkehr mit ihm nie überschritt und nie überschreiten ließ.
Einmal allerdings ereignete sich etwas, das diese seine Anschauung für Minuten ins Wanken brachte.
Sie promenierten im Park, Weg hin, Weg her, als sie einer kleinen schmalen Frau begegneten, die ein niedliches Mädchen in blendend weißem Kleide an der Hand führte. Die kleine, mädchenhafte Frau blickte sie erschrocken, ja entsetzt an mit blauen, blindglänzenden Augen und wandte nicht den Blick von ihnen. Das Mädchen streckte glucksend und lallend die Hände nach Ginstermann aus. Es war die Comptoiristin, die Witwe des Möbelzeichners.
Ginstermann grüßte und ging, von einer Erregung gepackt, weiter. Da fühlte er den Blick Biankas auf sich gerichtet. Sie war totenbleich, und ihre Augen verrieten Schmerz und Angst. Aber nur einen Augenblick, dann beherrschte sie sich. Und als Ginstermann ihr die Geschichte dieses unglücklichen Weibes erzählt hatte, ergriff sie impulsiv seine Hand und sagte: „Verzeihen Sie mir, ich habe Sie in Gedanken beleidigt.“ —
In seinen freien Stunden trieb sich Ginstermann ruhelos umher, Bianka vor Augen, in Bianka lebend. Nahte die Zeit ihrer Zusammenkunft heran, so wurde er ruhiger, trennte er sich von ihr, so krochen aus allen Winkeln seiner Wesenheit die alten Gespenster hervor, um ihn zu martern.
Einst war Bianka verhindert zu kommen. Das war ein schlimmer Tag, das war ein schlimmer Tag! Und das Billett, das er am nächsten Morgen erhielt, bedeckte er mit Tränen der Freude.
Aber natürlich, wenn Sie Besuch haben, natürlich! — rief er immerzu aus.
Da war ein Mann, der schlich des Nachts scheu wie ein Verbrecher zu einem Hause da draußen. Wie auf einer Woge von Blüten thronte es. Und er koste die Klinke der Türe. Niemand darf es wissen, niemand!
Da war ein Mann, der saß Nächte durch auf einem Hügel, drei Stunden entfernt von der Stadt. Und dieser Mann sprach: Dort über den Bergen bist Du nun, Geliebte! Meine Gedanken wandern zu dir über die Berge. Meine Seele breitet die Schwingen, siehe, in ihren hohlen Händen ist Blut, Geliebte! Das ist das Blut meines Herzens, Geliebte. Schläfst du? Hast du auf sie gewartet mit der bittren Last? Wachst du, Geliebte? Da, zwischen dir und mir, da ist eine Wiese, dort begegnen wir uns des Nachts und bringen einander Sehnen und Tränen des Tages, Geliebte —
Niemand darf es wissen, niemand!