Die Straße war schnurgerade, wie ein Lineal. Blendend weiß in der Nähe, von düsterem Rauch erfüllt in der Ferne. Beschneite Pappeln flankierten sie, die ihnen in langsamem Zuge entgegenpilgerten.

Dann und wann krauchte ein Schatten heran. Die Helmspitze eines Schutzmannes blitzte auf. Eine Katze überschritt geschmeidig die Straße, behutsam Pfote um Pfote in den Schnee setzend.

Jeder, der an ihnen vorüberkam, blickte sie an. War es ein Herr, so musterte er zuerst seine Begleiterin, dann ihn; war es eine Dame, so galt ihm der erste Blick. Alle dachten sich etwas. Sie dachten, es sind Liebesleute, die sich gezankt haben und nun still, voneinander entfernt ihre Straße gehen. Oder sie dachten, es sind Leute, denen die aufkeimende Liebe die Lippen verschließt und schwermütige Gedanken eingibt.

Während seine Sinne dies mechanisch beobachteten, rang seine Seele mit der fremden Gewalt, die auf ihn eindrang.

Er wollte froh sein, wenn er wieder allein war. Auf der andern Seite jedoch fürchtete er diesen Moment und suchte er nach Möglichkeiten, ihn hinauszuschieben. Mit ärgerlichem Schrecken dachte er daran, daß er zum ersten und voraussichtlich zum letzten Male neben diesem Weibe ging, das seiner Seele nicht gleichgültig war. Und daß er es nicht verstanden hatte, diese günstige Lage auszunützen, das Wesen dieses Mädchens zu ergründen, und dadurch seine Gedanken vor der peinigenden Gier zu behüten, mit der sie ein ungelöstes Rätsel zu umkreisen pflegten.

Da vernahm er plötzlich ihre Stimme.

Er verstand ihre Worte nicht und mußte sich erst ihren Klang ins Gedächtnis zurückrufen, bevor er sie erfaßte.

„Kennen Sie denn meine Gedichte?“ antwortete er lächelnd, erfreut, daß das Stillschweigen gebrochen war.

Sie hatte gesagt: Ich kenne ein Gedicht von Ihnen, Herr Ginstermann, das sehr schön ist.

„Ja,“ erwiderte sie, „ich habe sie gelesen. Ein Herr machte mich darauf aufmerksam. Viele sind mir zu herb, zu bitter, aber dieses eine ist sehr schön, und ich empfand das Bedürfnis, Ihnen das zu sagen, bevor wir uns trennen. Es heißt: Martyrium.“