Ginstermann ging an die Türe, unschlüssig ob er öffnen sollte.

Dann rief er: „Ich will arbeiten, Kapelli. Stören Sie mich nicht länger.“ Aber Kapelli pochte nochmals.

Ginstermann beugte sich herab und blies durchs Schlüsselloch.

„Ich werde Sie die Treppe hinunterblasen“, rief er, sich zum Lachen zwingend.

„Na, dann also gute Nacht.“

Kapelli stieg die Treppe hinab, hielt inne, kam wieder ein paar Stufen herauf, stieg abermals hinunter und schloß endlich die Türe seines Ateliers hinter sich.

Was wollen sie nur, dachte Ginstermann. Diese beiden guten Leutchen, sie ahnen wohl etwas? Morgen wird Kapelli sagen: Armer Kerl, der Ginstermann. Und des Nachts werden sie stumm in ihren Betten liegen und an mich denken.

Und Kapelli wird hinter dem Sarg hergehen, seinen engen schwarzen Rock über dem Bauche zugeknöpft, einen Zylinder auf dem Kopf. Und er wird im Sarge liegen und Grimassen schneiden. Aber nein, er wird hübsch ruhig bleiben. Im übrigen wußte es man nicht. Niemand weiß, was ein Toter tut, wenn der Deckel aufgeschraubt ist. Noch besaß niemand soviel Mut sich neben einen Toten in den Kasten zu legen und zu beobachten, was er tut. Einer seiner Bekannten wird ein paar Worte am Grabe sprechen: Bläh — bläh — Henri Ginstermann ist tot. Er hat „Das Ebenbild Gottes“ geschrieben — bläh — bläh — er hat auch Verse geschrieben — man weiß nicht, woran er gestorben ist, vielleicht ist er am Leben gestorben — bläh — bläh —

Ginstermann setzte sich auf die Ottomane und sann vor sich hin. Seine Hände zitterten, die Pulse hüpften in seiner Schläfe; in seinem Kopfe da rauschte es, rings herum.

Da gab es noch jemanden, den die Nachricht stutzig machen wird. Dieser jemand wird sagen: Henri Ginstermann? das ist ja mein Sohn. Seine Mutter hatte ihn doch ein bißchen gerne, früher. Nun ja, bei jenem Skandal — kann eine anständige Dame da anders handeln. Ein Schüler, ein Junge von siebzehn Jahren, der sich mit einer verheirateten Frau einläßt! Puh, puh! Aber nein, früher. Als er noch zwölf Jahre alt war. Bis er den Ring stahl. Stahl, das ist ja nicht richtig. Er legte ihn ja abends wieder auf den Toilettetisch. Er hatte ihn nur in der Sonne funkeln lassen, weil das seine Augen entzückte. Sie hatten ihn allerdings Dieb genannt. Dieb zischten sie alle. Und er wurde in eine dunkle Kammer gesperrt, die ganze Nacht. Da kam der Teufel mit seiner ganzen Verwandtschaft. Die Holzwürmer schlugen mit den dicken Köpfen auf die Dielen. Die Mäuse nagten die Balken ab, um ihn in einen tiefen Schacht hinabzustürzen. Eine Uhr rasselte wie ein Sterbender. O, das war schon mehr als Geisterspuk. Des Morgens kam ein graubleicher Bursch zur Türe heraus, dem diese Nacht mit ihrem Schrecken wie ein Frost auf die Seele gefallen. Seitdem haßte er sie, seine Eltern und Geschwister, seine Mitschüler und Lehrer, alle Menschen. Und er schlief trotzig in der Geisterkammer, ohne Furcht, da er sich dem Teufel verschrieben hatte, der ihm jetzt nichts mehr tat. Ja, selbst die Mörder fürchtete er nicht mehr. Sollten sie ruhig zum Fenster hereinsteigen und ihn erdolchen. O, es war nur ein Spaß! — Hoho, aber plötzlich da wurde es anders. Niemand liebte ihn, bis er eine junge hübsche Frau kennen lernte.