Weshalb sieht man so finster in die Welt, lieber Henri? — Wollen wir Musik zusammen machen, wie? — Wollen wir in den Garten gehen und die Blumen ansehen? — Armer Bub wie haben sie dich hergerichtet? — Nein, nicht küssen, nicht küssen, Schlingel!

O juhei, o juhei — wie herrlich ist das Leben! — Wie, abgereist? Gnädige Frau ist abgereist? So so. Er lebt acht Tage als Waldmensch, frißt Moos und Schnecken und heult wie ein Irrer durch die Nächte. — Hinaus! sagt der Vater, hinaus! Sein Finger deutet gegen die Türe. Er biegt ihn im Gelenk ab, damit es recht theatralisch aussieht. Haha, welche Großartigkeit. Wie ein Feldherr: alle Fünftausend. Hinaus, hinaus! Alle Türen zu. Einer dreht sich im Kreise, ein ganzer Kreis von Fingern deutet: Hinaus! — Ein Zug braust durch die Nacht. Hahaha, Freundchen, es ist nicht so einfach, sich unter einen rasenden Zug zu werfen, dazu gehört die Gewandtheit eines Seiltänzers. Wie, die Hand haben sie sich blutig geschlagen, Mylord? O, das schadet nichts. Ein bißchen Blut, wir sind doch kein kleines Mädchen, wie? — Die Bauern sind ein mitleidig Volk, sie geben Brot, sie hetzen auch ihre Hunde. Nur Scherz. Es schläft sich gut im Wald, bei den vielen Mücken und Ameisen. Man träumt von Gendarmen, das ist nur angenehm. Denn wenn man erwacht, so sieht man nichts um sich als Büsche und Kräuter, und der Mond spannt silberne Saiten zwischen den Stämmen. Drauf greifen Elfenfinger ihre Lieder. Ist das nicht herrlich? — — In Böhmen liegt ein Bauernhof. War es nicht ein hübscher Bauernhof? Die Bäume herum, die Tannen dahinter auf dem Hügel wie finstere Borsten auf einem Ungeheuer. Und Segtschin, der Wahnsinnige, wie er mit den Zähnen fletscht. Er kann die Deutschen nicht leiden. „Ich renne ihm die Mistgabel durch den Leib!“ Ach, eine Mistgabel, ich bitte Sie, Verehrtester, Sie werden doch so ein Ding nicht fürchten. Und da ist Hesse, der defraudierte Bahnbeamte aus Baden. Er hat eine Kneipe in Rumänien. „Willst du das Weib da küssen, du Kleiner! Ha! Ein Patron, ißt und trinkt drei Wochen bei mir und will das Weib da nicht küssen, wenn ich es befehle. Hund, marsch — oder — ah — sie ist ja ein kleines Schweinchen, die Sonja — aber — hahaha!“ Sein betrunkenes Gesicht mit dem Ausdruck eines Metzgerhundes schwillt auf vor Wut, als ob es zerplatzen wollte. Ach, nun ist es gar nicht mehr Hesse, nun ist es Herr Trutt, der Kaufmann Trutt mit seinem Doppelkinn, seinem Fettnacken, seinen schielenden Augen, seiner fettrasselnden Stimme. Dieser Halunke, der will, daß man sich für ein paar Gulden kaput arbeitet. Aber was will nur Hesse mit dem Bohrer. Nein, es ist kein Bohrer, es ist ein Spazierstock. Und doch ist es ein Bohrer, ein Bohrer so lang wie ein Spazierstock. Mit diesem Bohrer kommt er auf ihn zu, den Bohrer schwingend. Aber so groß seine Schritte auch sind, er kommt nicht näher. Er baumelt wie an den Hüften festgeschraubt, schlägt mit Armen und Füßen, den Bohrer schwingend. „Ich will dir den Kopf anzapfen, Kleiner, gib acht. Sonja, schlage ihn, du sollst dich betrinken, bis du platzt, Schweinchen!“

Was wollen denn diese vielen Leute? Sie stehen um Hesse herum und deuten auf ihn, alle auf ihn. Und sie schielen alle und haben viereckige und verschrobene Köpfe. Es ist eine ganze Mauer von Leuten, es sind tausend Köpfe. Lauter Köpfe; unter ihrer Verzerrtheit verbirgt sich ein bekanntes Gesicht. Segtschin fletscht mit den Zähnen — und da ist auch Kapelli! He, Kapelli! Zum obersten Stockwerke dieses lebendigen Gebäudes sieht er heraus. Er spuckt herunter. Ah, nun ist er über ihm. Hoho, über ihm sind auch Köpfe! Überall, rings um ihn Köpfe, die sich unaufhörlich verzerren zu entsetzlichen Grimassen, bald den, bald jenen darstellend. Da ist ja auch jenes Weib, Ritts Freundin mit den weißen Händen. Sie wirft ihm Sofakissen an den Kopf. Ich schlage dich doch noch tot, du Kleiner, flüsterte Hesse plötzlich dicht neben ihm und schwingt einen Weinheber über seinem Kopfe. Seine Augen sind blutunterlaufen und aus seinem roten Schnurrbart strömt der Geruch von Branntwein. „Sie leugnen also jede höhere Bestimmung des Menschen, mein Herr, wie, wie? Sie gestatten, mein Name ist Spi.“ „Ja, zum Teufel, mein Herr —“ „Spi ist mein Name, gestatten — Sie leugnen also jede höhere Bestimmung des Menschen, mein Herr? Hier stehe ich, Spi.“ „Die Bestimmung des Menschen kann nicht hoch genug sein. Ich sage mir, sie ist keine göttliche, sondern eine vom Menschen selbst gegebene, deshalb nicht minder hoch. Der große Mensch und Gott fließen in eins zusammen, — ja, zum Henker, mein Herr, wer sind Sie eigentlich?“ „Spi, gestatten.“ „Speien Sie mir doch nicht immer ins Gesicht, wenn Sie Ihren verfluchten Namen aussprechen! Meine Behauptung gleicht also — ja, wo stecken Sie denn?“ „Hier, Spi —“ „Teufel —!“ „Spi, ich bin unsichtbar, gestatten, Spi ist mein Name.“ „Lassen Sie mich doch — lassen Sie mich doch —!“ „Aber was wollt ihr denn, was wollt ihr denn, ihr hängt ja Camilla auf!“ „Hier hinauf, geehrter Bruder im Herrn, auf den hohen Baum, sie will die Welt sehen, und deshalb hängen wir sie so hoch hinauf, seht, wie niedlich sie ist, wie des Jairi Töchterlein — —“

Da erscholl ein mächtiger Schlag.

Ginstermann stand inmitten des Zimmers, er taumelte, er stolperte über einen Stuhl, der am Boden lag.

Er starrte vor sich hin, ohne etwas zu sehen.

Ein Gedanke rang in seinem Kopfe, aber er kam nicht zur Klarheit.

Er suchte sich auf etwas zu besinnen. Was war denn eigentlich? Was war das alles? Was wollte der phosphoreszierende Schädel dort? Ein Gespenst, hu? Oder — nein, eine Lampe. Seine Lampe. Sehen so die Lampen aus?

Ja, es konnte auch eine Lampe sein.

Er fand für einige Augenblicke die Besinnung zurück. Das war sein Zimmer, hier stand sein Tisch, dort das Bücherregal, auf dem Biankas Büste gestanden. Diese Büste hatte er in den Schrank getan.