VI.

Das gedämpfte Licht im Eckzimmer brannte nun elf Tage.

Ginstermann ging hinaus ins Freie und machte ein Sträußchen zusammen aus Primeln, Veilchen, Weidenkätzchen und sprossenden Buchenreisern, und was er sonst noch auffinden konnte, Gräsern und Halmen. Auch ein winziges Johanniskäferchen, mit kleinen schwarzen Pünktchen auf dem roten Schild, packte er mit hinein. Diesen Strauß sandte er der Kranken. Er legte keine Karte bei.

Sie sollte nicht wissen, von wem er sei. Er freute sich in dem Bewußtsein, daß sie diese Frühlingskinder in die Hände nahm, ihren Duft einsog und vom Frühling und der Genesung träumte. Auch glaubte er ihre Gedanken angenehm zu beschäftigen, dadurch, daß er ihnen freien Spielraum ließ, nach dem Geber zu suchen.

Das Licht brannte nun siebzehn, es brannte nun achtzehn Nächte. Stets gleich gedämpft, stets gleich ruhig, es schien nicht mehr verlöschen zu wollen.

Aber eines Tages würde es doch verlöschen, das wußte Ginstermann. Einmal da würden diese Fenster da droben schwarz sein, und am Tage darauf würden Wagen vorfahren, aus denen Leute in schwarzen Kleidern stiegen. Er wußte es ganz genau. Und während seines ganzen Lebens würden ihn zwei Gedanken beschäftigen. Sie war das Weib, das die Natur für dich schuf, hieß der eine, sie war es doch nicht, der andere.

Ginstermann war Tag und Nacht auf den Beinen. Er bemühte sich, Fräulein Scholl aufzufinden, aber es war vergebens. Er hatte vor, ein Dienstmädchen zu bestechen, aber das wäre unfein gewesen. Hundertmal stand er vor dem Portale mit dem Emailschild: Wirkl. Geheimrat Prof. Dr. v. Gagstetter, mit dem Vorsatze, bei dem Arzte Erkundigungen einzuziehen.

Was aber hätte der Arzt denken sollen? Er hätte ihm die Hand auf die Schulter gelegt und sein kluges Philosophenlächeln gelächelt. Konnte er seine Liebe fremde Augen sehen lassen? Im übrigen, was hätte all das genützt? Er konnte nichts tun, als auszuharren, geduldig auszuharren.

Manches Mal dachte er, ja schien ihm eine untrügliche Ahnung zu sagen: Dieses Licht da droben, hörst du, mein Freund, brennt am Lager einer Toten. Er verbrachte dann eine schwere Nacht und war glücklich, am andern Tage nicht die Wagen mit den schwarzgekleideten Leuten vor dem Hause halten zu sehen.

Das Licht brannte nun einundzwanzig Nächte.