„So geht es, wenn der Mensch Unglück hat“, sagte er. „Nun ging ich heute mal aus, seit einem Jahre ist es das erste Mal wieder. Der Mensch sollte nicht so schwach sein, aber ich war heute in einer Stimmung, in einer Stimmung, in der die Leute Selbstmord begehen.“

Er schwieg und sah mit finsterer Miene zu Boden, auf ihre Gegenrede wartend.

„Ich habe Sie stets um Ihre gleichmäßige Ruhe beneidet, Herr Ginstermann.“

„Ein Mensch kann lächeln, während in seinem Innern die Hölle tobt, Fräulein Sacken“, fuhr Ginstermann fort, vor sich hinbrütend. „So einer bin ich. Aber wir tragen ja alle unsere Tragödie in uns herum, ich und Sie und Kapelli und Ritt, alle. Unsere entwickeltere Empfindungsfähigkeit ist schuld daran. Und wir Schaffenden haben neben all den menschlichen Sorgen auch noch die um unsere Arbeit. Gegen diese sind alle anderen nichtig. Weiß man aber, ob all unser Kämpfen einen Sieg vorbereitet? Daß wir das nicht wissen, daran leiden wir. Die einen haben mit Erfolg begonnen und mit Niederlagen geendet. Die anderen fielen aus einer Enttäuschung in die andere und sprengten plötzlich die Schlacke, die sie einhüllte. Solange wir nur das Bewußtsein haben, etwas zu leisten, einmal, gleich wann, so können wir glücklich sein. In unseren schwachen Stunden verläßt es uns, und um uns heult das Elend. Ein Erfolg läßt sich eben nicht vom Himmel reißen, man muß Geduld haben.“

„Viel Geduld!“

„Viel Geduld. Aber nehmen wir an, man hat nie Erfolg, nie Erfolg.“

„Niemand erträgt das.“

„Ich aber sage Ihnen, trotzdem müßte man es ertragen, trotzdem müßte man sich noch glücklich schätzen, stolz sein. Ich frage, kann es uns nicht gleichgültig sein, ob ein verblödetes Publikum uns zujubelt oder uns verlacht? Für wen schaffen wir? Für uns, sonst für niemanden. Wir sollten uns genügen lassen an der Erkenntnis, daß wir überhaupt entwickeltere Wesen sind, feiner, selbständiger empfinden als jene Erbarmungswürdigen, blind, taub und seelenlos Geborenen da draußen. Die Gabe, originelle Eindrücke aufnehmen zu können, des vermittelnden Kunstwerkes entbehren zu können, die sollte uns stolz machen, wenn wir auch nicht die Kraft besitzen, diese gesammelten Eindrücke zum Kunstwerk zu verdichten. Und dieser Stolz sollte uns über alles hinwegtragen, über die Misere des Daseins, über das Gespötte der Welt, das Achselzucken unserer Angehörigen. Man prostituiert sich vor sich selbst, wenn man nur einen Gedanken daran verschwendet. Man sollte, man sollte — aber dazu ist man immer noch zu klein, zu beengt im Blicke.“

Er schwieg.

Die Malerin lehnte am Tische, den Blick zu Boden gerichtet und lächelte. Aber das war nicht ihr stereotypes, wehmütig-liebenswürdiges Lächeln, es war das Lächeln des Befreiten, des Aufatmenden.