Jeden Morgen harrte er voller Ungeduld auf den Schritt des Postboten auf der Treppe. Meistens ging er an seiner Türe vorbei, pochte er aber, so eilte er, schwindlig vor Erregung, um zu öffnen. Allein es war stets eine nichtssagende Mitteilung von seinem Verleger, seinem Agenten, eine Offerte, ein Mahnbrief, ein Zeitungsausschnitt.

Sobald es recht Tag war, verließ er das Haus, um auf die Suche zu gehen. Er spähte in alle frequentierten Geschäfte, er ließ keine Droschke vorbei, ohne sich die Insassen anzusehen. Er bestieg eine Straßenbahn und fuhr kreuz und quer in der Stadt herum, eifrig die Trottoire absuchend.

Manchmal, in der Meinung, sie entdeckt zu haben, verfolgte er eine Dame, die in Gestalt und Gang etwas Ähnliches mit ihr hatte. Nach kurzer Zeit bemerkte er jedoch immer, daß ihn irgend eine Nebensächlichkeit genarrt hatte. Bald war es die Fasson des Hutes, die Farbe des Gürtels, die Art den Schirm zu tragen, das Kleid aufzuraffen, bald war es die Form der Hand, des Ohres, des Kinnes. Dann stand er still, keuchend vom Lauf, zornig und betrübt darüber, daß er so gar kein Glück hatte, um bald darauf in die nächste Straße zu verschwinden, von einer Ahnung, sie hier zu treffen, angetrieben.

Stundenlang belagerte er in möglichst unauffälliger Weise die Villa in der Leopoldstraße. Er studierte die Plakatsäule, bis er alle Annoncen auswendig wußte, das eine Auge stets auf das dunkle Portal und auf das Eckzimmer im ersten Stock gerichtet. Darin hatte er es bis zu einer gewissen Genialität gebracht. Er kannte bereits den Bäcker, der das Brot brachte, den Fleischer, der das Fleisch brachte, das Dienstmädchen, die Köchin und einen alten Mann, der täglich Punkt 1 Uhr eintrat, um das Haus nach einer knappen halben Stunde wieder zu verlassen.

Er begriff nicht, was mit ihr sein könne. Daß sie vollständig genesen war, schloß er daraus, daß jeden Abend bis zwölf, ja bis ein Uhr Licht in ihrem Zimmer brannte.

Verreist konnte sie also auch nicht gut sein, oder kam ihr Geist jeden Abend und zündete sich die Lampe an, Romane zu lesen, wie?

Zudem sah er dann und wann auch ihren Schatten auftauchen und verschwinden. Einmal sah er sogar ihre Hand, das war ein Ereignis.

Wenn man gegenüber auf die Staffel trat und sich auf die Fußspitzen stellte, so konnte man den Lüster aus Orchideenblüten wahrnehmen, deren Kelche das Licht ausströmten. Und weit hinten etwas Blinkendes, wie der Arm einer Statuette.

Als Knabe hatte er sich einmal mit der Erfindung eines Spiegels beschäftigt, mit Hülfe dessen man um die Ecke sehen könnte. An diesen Spiegel mußte er immer denken. Er hätte ihn auch benützt, ein einziges Mal wenigstens. Auch mit dem Telemikrophon ohne Draht wäre etwas zu machen gewesen.

Seinen Ahnungen schenkte er schon lange keinen Glauben mehr. Nichtsdestoweniger war er doch enttäuscht, sie nicht auftauchen zu sehen, wenn ihm seine Gedanken eingeflüstert hatten, du wirst sie am Siegestor treffen. Oftmals dacht er: Zähle bis tausend, und sie tritt aus der Türe. Er zählte, bei neunhundert erfaßte es ihn wie ein Schwindel, bei tausend öffnete sich auch die Türe, aber es war nur eine Täuschung seiner erregten Sinne.