Spät in der Nacht kehrte er stets erst zurück, todmüde vom Wandern, Warten und Zermartern, mit einer Sehnsucht, die wie Wogen gegen die Wände seiner Brust schlug.

Er warf sich aufs Bett, aber der Schlaf schien ihn vergessen zu haben. Es war, als ob sein Gehirn all die nichtigen Eindrücke des Tages aufgespeichert habe. Wie in einem Kaleidoskop zuckten Bilder vor ihm auf, um wie auf ein unmerkliches Rütteln zu versinken und andere entstehen zu lassen. Leute grüßten, Posten präsentierten, Menschen liefen zusammen, ein Zug elektrischer Wagen staute sich. Hier entkam eine Frau mit knapper Not einer sausenden Kutsche, dort fuhren zwei junge Mädchen auf blitzenden Bicycles hintereinander, Gesichter gingen an ihm vorüber, bald unnatürlich groß und nah, als wollten sie durch ihn hindurchgehen, bald klein, scharf, wie durch ein Verkleinerungsglas gesehen. Der ganze wirre Lärm der Straße war in ihm, Pfeifen, Schreien, Worte, Gelächter kam zu seinen Ohren wieder heraus. Hier sagte jemand: Ei der Tausend — ah, recht sehr! Hier fiel ein Stock klappernd aufs Pflaster.

Nachdem diese infolge des plötzlichen Abgeschlossenseins von der Außenwelt hervorgerufene Reaktion seiner Sinne nachgelassen, trat sie in seine Gedanken. In Hunderten von Situationen. Sie ging an der Seite des schmalbrüstigen Herrn über die Straße, sie saß in einem Wagen und verneigte sich grüßend, sie stand am Fenster und warf Apfelsinenschalen in den Vorgarten, sie betrat die Loge im Theater, sie saß bei der Lampe über eine Mappe gebeugt.

Endlich war er soweit, seinen Gedanken eine bestimmte Richtung geben zu können. Er dachte an den kommenden Tag, er dachte an die kommenden Tage. Er entwarf tausend Bilder des plötzlichen Wiedersehens. Er schmiedete tausend Pläne.

Denn, so sagte er sich, wenn es nicht so gehe, so wolle er List anwenden.

Er hielt sich für einen geriebenen Burschen, der sich in den Himmel einschlich, wenn es ihm darum zu tun wäre. Es waren verwegene, verblüffende Pläne, wie sie im Gehirn eines Einbrechers und Intriganten entstehen. Oft brach er in lautes Lachen aus, so burlesk, so genial erschienen sie ihm.

Besonders gelungene arbeitete er bis ins kleinste Detail aus, und häufig brach er in der Mitte ab, um von vorn zu beginnen, da ihm seine Vorstellungen immer noch lückenhaft erschienen.

Seht ihr dieses alte Männchen die Ludwigsstraße hinabtrippeln? Jedermann wettet, es ist ein kleiner Rentner, ein pensionierter Galerieaufseher. Seht wie behutsam er die Straße überschreitet, wie er seine Kinnbacken bewegt, wie er mit dem Rohrstock nach Papierknäueln stochert. Seht seinen weißen Bart, sein kluges, pfiffiges Gesicht, ein Studienkopf, der einer jungen Malerin recht in die Augen stechen kann. Ha, Schauspieler Ling ist ein Meister in der Maske, alle Kritiker sagen das. Achtung! ein Tandem schnurrt hinter dir her . . .

Was ist hier geschehen? Die Brücke ist vollgepfropft von Menschen und Wagen, daß sie sich biegt. Da drunten — seht, dort! Weshalb jammert dieses Weib so und liegt auf den Knien?

Platz da — Platz gemacht! Ein Körper durchschneidet die Luft, über ihm schlägt das Wasser zusammen. Es ist eine Turmlänge bis da hinunter. Dort, dort! Seht! — Hoch! Hoch! Das Wasser läuft nur so herunter an ihm, er hat den ganzen Fluß in den Kleidern. Ach, keinen Dank, Frau, machen Sie doch keine Geschichten. Der Schlag eines Wagens öffnet sich: Herr Ginstermann darf ich Ihnen den Wagen anbieten? . . .