Sie gibt mir ihre schmale Hand, und ihre Finger sagen: Grüß Gott.

„Ich sah Sie vor einer Stunde die Straße hinuntergehen.“

„In Schwabing ist ein Neubau eingestürzt.“

„Ach ja, ich vernahm davon. Wie traurig, sechs Tote, sagt man.“

„Ja, sechs Tote. Ich wollte mir das ansehen. Nicht aus kleinlicher Neugierde natürlich, studiumhalber. So ein Unglücksfall enthüllt die Herzen, man sieht sie wahr.“

„Sprechen wir nicht von so traurigen Dingen,“ unterbricht sie mich, und, indem sie mir einen Brief zeigt, sagt sie: „Ich will ihn in den Kasten stecken.“

Auch ihre Hand leuchtet, so blaß ist sie.

Ihre Stimme ist leise, teilweise klanglos, mit singendem Tonfall. Dann und wann funkelt es wie mattleuchtende Steine darin. Ich vermute, daß sie das Englische gut ausspricht. Lautlos geht sie neben mir, mit der Linken das Kleid aufraffend, mit der ihr eigenen Biegung des Handgelenkes, auf den Fußspitzen schleichend, wenn besonders nasse Stellen kommen. Ihre Schultern sind schmal, zart, sie heben und senken sich unmerklich beim Atmen wie die Flügel eines Falters, der aus einer Blüte trinkt. Ihr Gesicht blickt wie eine Knospe aus dem seidenen Tuche, durchsichtig, ihre Seele ausstrahlend. Jetzt erst erkenne ich, wie ähnlich das Porträt ist, das Kapelli geschaffen.

Ein feiner Duft strömt aus dem Tuche, auf ihren Stirnlöckchen sprühen die Regentropfen wie Tau.

Wir sprechen nur weniges. Sie erzählt mir, daß sie krank war, nicht sonderlich, Schlaflosigkeit. Ich danke ihr für ihr Billett von damals.