Wie schön die Nachdenklichkeit sie macht, dachte er. Es ist nicht Schönheit im Sinne der Welt, es ist eine neue Art von Schönheit, für die man besonders entwickelte Augen haben muß. Und man weiß nicht, liegt sie in der Linie ihres Profils, liegt sie in der durchsichtigen Tiefe ihrer Augen, darüber die Wimpern sprühen. Man braucht es auch nicht zu wissen. Wie ist es, dachte er, findet ein Mann in einem Weibe, dessen Seele er liebt, seine Schönheit heraus, er, sonst kein anderer, oder liebt ein Mann nur das Weib, das seinen unbewußtesten Schönheitsgesetzen nach schön ist?

Ist es nicht unglaublich, dachte er, wie gut Breite und Höhe und die Farbe des Hutes mit der Form ihres Kopfes, dem Teint ihres Antlitzes harmonieren?

„Allgemein gesprochen“, schloß er seine Ausführungen, „freut es mich, daß das Weib strebt, weil ich hoffe, daß der Mann dann um so mehr streben wird.“

„Wie oft gab es das“, ergriff Fräulein Schuhmacher das Thema wieder, „daß ein Mann wirklich und wahrhaftig als Freund, als Kamerad mit einer Frau lebte? Ich befürchte, nicht oft. Sprechen Sie heute als Weib mit einem Manne, und Sie werden fühlen, daß er Ihnen etwas verbirgt, daß er Ihnen etwas vorenthält von seiner Meinung, irgend etwas, das ich nicht sagen kann, ja, daß er sie gar nicht für ernst nimmt, Ihre Bemerkungen erst ausbaut, zur Höhe führt, und Ihnen dadurch beweist, wie wenig Sie berechtigt sind, sich an so etwas heranzuwagen. Ich empfinde das und bin betrübt deshalb. Und ich glaube, alle Frauen empfinden es. Dieses Lächeln der Überlegenheit hassen wir, weil wir merken, wie berechtigt es ist. Deshalb arbeiten wir, nur deshalb, wir wollen uns eine Gleichstellung mit dem Manne in jeder Hinsicht erringen.“

Dieses Zugeständnis aus dem Munde eines jungen Mädchens zu hören, machte Ginstermann einigermaßen verwundert. Hier war wirklich ein Weib, das den grundlosen Dünkel seines Geschlechts, sich für etwas Höheres zu halten, überwunden hatte.

Fräulein Schuhmacher blickte einem Falter nach, der über die Wiese gaukelte, dann fuhr sie fort: „Und die Gelehrten wollen wissen, daß das Weib nie konkurrenzfähig mit dem Manne werden könne. Welches Weib soll da nicht verzagen?“

O wozu sprechen, dachte Ginstermann. Wozu sprechen? Er war gekommen, lediglich, um neben ihr einherzugehen, das süße Gefühl ihrer Nähe zu empfinden, die Blumen am Wege anzusehen, die Schwalben in der Luft zu verfolgen. Wenn sie nun sprach, so hörte er nicht ihre Worte, nur ihre Stimme. Nie hatte er noch eine solche Stimme gehört. Das koste, ohne kosen zu wollen. Das war wie ein weicher, weicher Arm, der sich um den Nacken schlingt. Ihre Worte waren wie Teppiche, so weich, so sanft. Sie hat Elfenbein in ihrer Stimme, Elfenbein, sagte er jubelnd zu sich, als er das gefunden.

Andererseits aber war er ärgerlich, sich so passiv zu verhalten. Er, der sich nichts Herrlicheres wußte, als ein lebendiges Gespräch, er, der ewige Kampflustige, er, der um sich zu unterhalten, die Stühle seines Zimmer rings um sich stellte und mit ihnen konversierte.

Welch herrlicher Tag doch heute war! Wie? und welche Mühe es gekostet hatte, die Stunden zu vertreiben. Seit fünf Uhr morgens.

Ich werde mich bei ihr bis auf die Knochen blamieren, dachte er, und gleichzeitig, wie er sie neben sich gehen sah, die Harmonie ihrer Seele in den Augen, dem Antlitze, dem Gange, wenn man doch ihre Hand fassen könnte und ihr sagen: Sehen Sie es denn nicht?