Aber wozu das wiederum? Man mußte stets daran denken, daß man Proletarier und sie eine vornehme Dame war. Wozu also?
Sie konnten ihn mit glühenden Zangen zwicken, er würde doch nicht reden. „Vergessen Sie nicht, Fräulein Schuhmacher“, antwortete er ihr, „daß es sich in erster Linie absolut nicht um eine intellektuelle Ausbildung handelt, nicht darum auch, Kunstwerke zu schaffen, sondern um eine Steigerung und eine Verfeinerung der Empfindung. Wo bleiben da ihre famosen Gelehrten?“
Ein Lächeln strahlte aus ihren Augen. „O, ich weiß“, sagte sie, „man müßte ja sonst verzweifeln. Hierin sind unsere Fähigkeiten denen des Mannes gleich. Ja, vielleicht — ja vielleicht . . .“ Sie brach einen Zweig und roch an den Blättern.
Der Park war nun belebt. Zwischen den Büschen leuchteten die hellen Gewänder der Damen. Wagen und Radfahrer glitten die Straße dahin, als zöge sie ein rascher Strom. Man vernahm Plaudern und Lachen, gedämpft durch das Laub und die warme Luft, bald nah, bald ferne, bald schien es aus der Luft zu kommen, bald aus der Erde.
Ein Reiter überholte sie in flinkem Tempo. Es war Maler Ritt. Er wandte ihnen, indem er den Hut lüftete, sein Gesicht zu und verzog es zu einer indiskret lächelnden Grimasse. Es schien, als sei der Teufel in elegantem Reitdreß, geschniegelt und gebügelt an ihnen vorbeigeritten. Um ihnen seine Geschicklichkeit im Reiten zu zeigen, gab er dem Pferde die Sporen, so daß es unvermittelt in Galopp überging.
Eine Weile sprachen sie von ihm. Fräulein Schuhmacher gestand, wie ganz anders dieser Mann, dessen Bilder sie bewunderte, ja verehrte, in ihrer Vorstellung lebte, bevor sie ihn persönlich kennen lernte.
„Er ist mir sehr unsympathisch,“ urteilte sie, „ja er widert mich an. Ich kenne ihn nicht, aber es steht fest, daß ich mich nicht in ihm täusche. Ich glaube nicht, daß er Charakter besitzt. Es gibt so wenig Menschen mit Charakter, finde ich, Frauen wie Männer. Die meisten haben die Seele einer Dirne, bei der es aus- und eingeht.“
Ginstermann dachte nicht mehr an die bunten Falter und Blumen, an die Schwalben da droben, er hörte zu.
„Ich kenne überhaupt nur einen Mann“, fuhr sie fort und blickte Ginstermann an: „Das ist mein Bruder.“
Und sie begann von ihrem Bruder zu erzählen, dessen Vorzüge im hellsten Lichte ihrer abgöttischen Schwesterliebe strahlten. Sie wurde nicht müde, ihn zu loben und schien gar nicht zu bemerken, daß ein Teil dieses Lobes auf sie selbst zurückfiel.